„Zeigt her eure Kleider…“

So ein krimZkramsDu wühlst auch gerne in fremden Schränken? Dann komm‘ morgen zum Kleidertausch in die Georg-Schwarz-Straße 11 ins krimZkrams!
Karen und ich sind live dabei und freuen uns darauf, wild mit euch zu tauschen und eure drei Worte für die Georg-Schwarz-Straße zu erfahren.
Ab 19 Uhr geht’s los.

Kaufst du noch oder tauschst du schon???
Mehr Infos gibt’s unter: https://www.facebook.com/events/117386678467145/

(Foto: Karen Lemme/ Text: Helena Mohr)

„Ich hab gesehen hier passiert was. Was macht’n ihr da?“

kunterbunte 19Es ist Samstag und es ist Georg-Schwarz-Straßen-Fest. Im letzten Jahr war hier noch nicht viel los, im Haus mit der Nummer 19. Mittlerweile geht es hier kunterbunt zu. Immer, wenn wir sonst daran vorbei gegangen sind, dann war die schwere Stahltür verschlossen. Heute steht sie allen Besuchern des Georg-Schwarz-Straßen-Fests offen. Neugierig betreten Karen und ich den kühlen Hausflur. Wir begegnen einer kleinen Gruppe Leute. Einer von ihnen ist Klaus Schotte. „Wollen Sie das Haus sehen?“, fragt er freundlich. Wir bekommen leuchtende Augen. „Geht schon mal vor!“, verabschiedet er sich von den anderen und beginnt die private Hausführung in einem der Läden im Erdgeschoss. Etwas irritiert schaut er auf meinen „Diktator“ (mein Diktiergerät) und meinen Notizblock. Karen pest schon durch den Laden und knipst, was das Zeug hält. Ich erzähle ihm von unserem Blog. „Hm, ich dachte mir schon, dass das so was Halb-Offizielles ist!“, sagt er schmunzelnd.

„Das Haus haben wir, als kleine Kerngruppe, seit Februar 2012. Und dann haben wir das nach und nach in Richtung Gemeinschaftsprojekt entwickelt. Und die Baustelle, die ging so im Spätsommer richtig los. Vorher mussten wir ganz viel Müll hier raus schaffen und überlegen, wie das hier alles werden kann. Und ja, jetzt ist das Haus fast voll“, berichtet er stolz.

Wohnkonzept, Gemeinschaftsräume und die beiden Läden, alles unter einem Dach. So soll in dem Laden, in dem wir gerade stehen, im Juni eine autodidaktische Initiative starten. „Für Erwachsene oder für Kinder?“, frage ich. „Na ja, hauptsächlich für Erwachsene, aber je nachdem. Das ist ja ein offenes Konzept“, erklärt mir Klaus.

Er zeigt auf die gegenüberliegende Wand. „Und drüben der Laden, der ist eher so für die Leute, die im Haus wohnen. Oder auch für Gruppentreffen. Viva con Agua (eine Initiative, die Wasserprojekte in der ganzen Welt unterstützt) wird sich da dann regelmäßig treffen, beispielsweise. Aber das wird sich dann alles noch entwickeln.“ Klaus fügt noch hinzu: „Unsere Idee ist, das dann auch als Nachbarschaftsraum aufzumachen. Wir hatten gerade tolle Leute hier im Haus. Alt-Mieterinnen, die hier und im Nachbarhaus gewohnt und ihre Geschichten erzählt haben.“ Etwas Vergleichbares gibt es seiner Meinung nach hier in der Georg-Schwarz-Straße noch nicht. Das Haus wird dann der zentrale Punkt sein. „Und wir wir schreiben jetzt die Geschichte weiter“, sagt er stolz. Eine Sache betont Klaus jedoch: „Es ist nicht kommerziell, wir wollen da keinen Gewinn mit machen.“

Bingo„Sie kommen aber ursprünglich nicht aus Leipzig, oder? War das Kassel?“, frage ich unschuldig (beim  letzten Forum Georg-Schwarz-Straße, an dem ich teilgenommen habe, habe ich gut aufgepasst). Er ist etwas erstaunt. „Ich selber komme tatsächlich aus Kassel“, sagt er. Wir lachen. „Bingo!“, rufe ich laut. Bingo soll im Übrigen heute Nachmittag noch im Laden der kunterbunten 19 stattfinden. „Ich glaube, so ganz ur-ansässig aus Leipzig ist im Moment keiner. Wir sind alle hier irgendwann gelandet, sind ganz bewusst hier her gezogen und haben gesagt: ‚Yo, das is es. Das ist unser Projekt. Das machen wir jetzt!‘“

Ich frage nach 3 Worten für die Georg-Schwarz-Straße. Er überlegt nicht lange und sagt: „Diese Mischung, die Möglichkeiten und das gegenseitige Helfen.“

Das Leben ist schönAuch zu den Leuten, die hier regelmäßig ihr Bier vor dem Haus trinken oder in den ehemaligen Schaufenstern sitzen, haben die Hausbewohner sehr guten Kontakt. „Dieser ganze Umbruch, der jetzt gerade passiert, das ist einfach toll. Und Streetwork, das hat eben auch einen großen Anteil an der Geschichte, das darf man natürlich nicht vergessen!“, betont Klaus. Er zeigt auf die andere Straßenseite. „Die haben ja drüben den Laden, ich glaube 2009, freigeräumt vom Müll und haben den dann zum Straßenfest aufgemacht.“ Dieses Jahr werden von der Streetwork-Initiative im Hauseingang des ehemaligen Kinos, Hausnummer 11, Würstchen verkauft. „Und letztes Jahr haben sie dann unseren Laden hier aufgeräumt und haben so ein bisschen gestrichen“, erzählt er und zeigt auf die pinke Wand.

„Könnten Sie uns vielleicht noch ein bisschen mehr zeigen?“, frage ich neugierig. „Ja, klar!“, willigt Klaus ein und läuft los. „Karen?“, rufe ich. Karen, die gerade auf einem Drehstuhl Platz genommen hat, klemmt zwischen zwei Holztischen fest. Wir fangen an zu lachen.

„Einmal hier entlang!“, ruft Klaus, bückt sich unter dem rot-weißen Absperrband hindurch und geht die Stufen in den ersten Stock hinauf. „Das ist richtig schön mit dem Backstein hier“, sagt Karen und zeigt auf die freiliegende Steinwand. „Bleibt das so?“, wollen wir wissen. Klaus schüttelt den Kopf. „Nee, das wird schon noch verputzt.“ „Ooch, schade!“, rufen wir wie im Chor. Klaus erinnert uns an die Heizkosten, fügt dann aber augenzwinkernd hinzu: „Ich glaube, wir kriegen da eine ganz gute Mischung hin aus schöner Gestaltung und niedrigen Energiekosten!“

„Glauben Sie eigentlich, dass es in einer anderen Stadt auch möglich wäre, oder ist das so eine Besonderheit von Leipzig?“, frage ich, während wir die ausgetretenen Holzstufen hinaufgehen. Klaus bleibt auf dem Treppenabsatz stehen und schüttelt vehement den Kopf. „Ich glaube, dass das so woanders nicht möglich wäre. Man hat es hier ja, trotz aller Hindernisse, noch relativ einfach. Das wird sich jetzt natürlich auch verändern mit den steigenden Preisen, das ist klar, aber trotzdem gibt es hier Möglichkeiten, die es sonst nicht gibt“, erzählt er. „Deswegen haben wir das Projekt dann letztendlich hier gestartet und das sehen ja alle in der Gruppe genauso!“

Nun stehen wir in der ersten Etage, die später mal Gemeinschaftsetage werden soll. „Ja, vielleicht mal ganz schlagwortartig zum Konzept“, beginnt Klaus, „unten sind, wie gesagt, die zwei öffentlichen Bereiche, die zwei Läden, die auch unabhängig voneinander funktionieren!“ Er geht den Flur entlang. „Das ist dann die große Gemeinschaftsküche, hier gibt’s Gästezimmer und das gehört dann noch zur autodidaktischen Initiative. Und da haben die dann noch zwei Arbeitsräume.“ Zudem soll im ersten Stock noch ein kleiner Co-Working-Space in drei Räumen entstehen. „Das ist auch so konzipiert, dass wir da Wechsel in der Gruppe gut aushalten können“, versichert er.

Karen schwärmt: „Ich finde das Haus total schön, das hat richtig Flair!“ „Ja, das ging uns eben auch so, als wir das erste Mal hier drin waren!“, bestätigt Klaus. „Das ist riesig“, sage ich schwer beeindruckt. „Ja, das sind 560 qm. Und es war eben nicht so kaputt, dass man es nicht mehr hinbekommt“, antwortet er.

„Und wo nehmen Sie die Mittel her?“, erkundigt sich Karen. „Sie müssen ja schon noch ganz schön was investieren…“ „Ja, wir haben auch alle nicht so viel Geld“, antwortet Klaus, „wir können das aber trotzdem machen.“ Möglich ist das Projekt durch das Modell des Mietshäusersyndikats. „Das kann ich euch gleich einfacher unten erklären, da habe ich ein schönes Schaubild“, sagt er dann.

Wir gehen weiter in den zweiten Stock. „Was eben auch super-toll ist, ist dieses Treppenhaus“, erklärt er uns und fährt mit der Hand am Geländer entlang. Er zeigt auf das alte Fenster. „Die kriegen wir leider nicht mehr alle restauriert. Eines kriegen wir wieder hin, der Rest wird dann aber so nachgebaut. Der Flair ist dann also trotzdem da.“ Er klopft mit seiner Hand auf das staubige Fensterbrett. „Wir haben hier eben die Geschichten erzählt, wie die Leute hier früher ihre Schuhe geputzt haben auf dieser Fensterbank. Und solche Geschichten würden wir eben gerne aufschreiben oder anders dokumentieren.“ Er zeigt auf meinen Diktator. „Da habe ich mir vorhin dann auch gedacht: ‚Mensch, jetzt hättest du so ein Gerät haben müssen…‘“

Viele MöglichkeitenAuf jeder Etage gibt es eine kleine Küche und zwei Badezimmer. „Das war uns auch wichtig. Keine Kloschlange!“, lacht Klaus. „Die Leute, die hier einziehen, haben ein oder zwei Zimmer“, erklärt er weiter. Er geht mit uns den Flur entlang und zeigt auf zwei kleine Zimmer. „Man kann die Zimmer so nutzen, man kann sie aber natürlich auch zusammenlegen. Man hat da relativ viele Möglichkeiten.“ Das passt wieder zu seinen 3 Worten für die Georg-Schwarz-Straße. „Dieses Haus hat ganz viele Möglichkeiten und die Straße hat gerade in dem Bereich hier unheimlich viele Möglichkeiten. Und wir können da gerade ganz viel neu organisieren. Ohne, dass wir das, was an alten Mietern und Geschäften schon da ist, erdrücken wollen.“ Das Nachbarhaus soll auch demnächst Mietshäusersyndikat-Projekt werden. „Wir sind da auch schon im engen Austausch mit der Gruppe“, sagt Klaus. „Man kann sich dann da beim Bauen unterstützen und sich gegenseitig Tipps geben.“

„Und Sie müssen dann jetzt hier keine Miete bezahlen?“, frage ich. „Doch, doch, im Prinzip funktioniert das so, dass wir die Miete dann an uns selber zahlen“, erklärt er mir. „Und mit der Miete, ganz simpel gesprochen, werden dann die Kredite zurückgezahlt.“

voller LebenRund 15 Personen werden die kunterbunte 19 mit Leben füllen. Mittlerweile sind wir im dritten Stock angekommen. „Der Grundriss ist dann eben immer wieder der gleiche und es ist eigentlich auch fast alles noch erhalten.“ Klaus zeigt auf eine kaputte Holztüre, die an der Wand lehnt. „Die ist mal ein bisschen kaputt, aber die kann man auch wieder hinbekommen.“ Das Haus war, trotz 15 Jahren Leerstand, gut erhalten, als die Gruppe es damals übernommen hat. „Es war zwar vermüllt, aber es war nix kaputt“, erzählt er uns. Er zeigt nach oben zum Dachstuhl. „Gut, das Dach war kaputt, deswegen mussten wir dann im letzten Herbst noch zeitig da ran. Den Winter hätte es nicht mehr durchgestanden und dann hätte es oben im vierten Stock noch einen viel größeren Schaden gegeben“, meint er, als wir in den vierten Stock hinaufstapfen. Das denkmalgeschützte Haus wurde im Jahre 1888 gebaut und ist mit das Älteste in der Umgebung. Aus diesem Grund wollte die Gruppe auch die Fenster mit den Oberlichtern erhalten. Es sind nämlich gerade diese Details, die dem Haus seinen Charme verleihen.

„Und nun sind wir schon unterm Dach. Das sind dann nochmal besondere Zimmer!“, erzählt Klaus. Nur zwei der Zimmer haben normale Deckenhöhe, bei den restlichen Räumen ist nach oben bedeutend mehr Platz. „Die sind vielleicht sogar noch schöner, diese Zimmer hier oben“, schwärmt er und geht mit uns in den hintersten Raum.  Das Zimmer ist lichtdurchflutet, gegenüber der Tür sind riesige Fensterrahmen eingesetzt. Das Glas fehlt allerdings noch. Vom Trubel des auf der Straße stattfindenden Festes bekommt man hier hoch oben unterm Dach der kunterbunten Georg-Schwarz-Straßen-Villa kaum noch etwas mit. Karen und ich sind hellauf begeistert. „Ach, hier mag man am liebsten sofort einziehen!“, ruft Karen entzückt. „Ein bisschen Platz ist ja noch!“, scherzt Klaus.

„Kommen die Leute dann auf Sie zu, wenn sie hier einziehen wollen?“, frage ich und stecke meinen Kopf noch ein letztes Mal hinaus, um nochmal einen kleinen Blick zu erhaschen. Er nickt. „Die kommen dann zu uns und sagen: ‚Ach, ich hab gesehen, hier passiert was. Was macht’n ihr da?‘ Und dann lernen wir die Leute kennen, die lernen uns kennen. Und wir erzählen dann, wie wir das hier machen wollen. Aber da muss man sich schon drauf einlassen. Ist ja nicht so, dass man dann ganz normal zur Miete hier wohnt, sondern man muss eben mitplanen und auch ein bisschen mitarbeiten. Dafür kann man dann aber auch ganz viel mitgestalten.“

riesen, weiter RaumWir verweilen noch ein bisschen auf der Treppe, die unters Dach führt. Von unten hört man leise die Autos vorbeifahren. „Es ist ja gar nicht so laut in der Georg-Schwarz-Straße wie die Leute immer denken“, findet Klaus. Die vorbeifahrende Tram-Bahn stört die zukünftigen Hausbewohner nicht. „Wir wollten auch genau hier hin. Mitten rein, nicht irgendwo jwd (= janz weit draußen). Und wenn wir dann unten in den Läden neue Fensterscheiben drin haben, dann rumpelt das auch nicht mehr so!“, sagt er über die Schulter, als wir wieder nach unten gehen. Er zeigt noch kurz auf das Holzpodest, welches aufgrund der Dachbaustelle eingezogen werden musste. „Das kann man jetzt zwar nur noch erahnen, aber das hatte schon fast einen sakralen Charakter, als das noch nicht da war.“ Auch die Denkmalpflegerin war ganz begeistert, von diesem „riesigen, weiten Raum“. „Es ist eben das Ganze. Dieses geräumige Treppenhaus, diese Wandmalerei und diese Weite!“, stellt er abschließend fest.

„Und wie kamen Sie dann von Kassel nach Leipzig?“, frage ich beim Hinuntergehen. „Ja, meine Partnerin und ich, wir haben gesagt, dass wir so ein Gemeinschaftsprojekt mit öffentlichen Räumen machen wollen. Wir hatten schon einige Kontakte nach Leipzig und irgendwann haben wir dann den Roman Grabolle getroffen. Und so kam dann eines zum anderen.“ Seit Oktober 2011 wohnt Klaus nun schon in Leipzig. „Ende Februar konnten wir dann dieses Haus in der Zwangsversteigerung bekommen.“ Klaus hofft, dass ca. in einem Jahr die ersten Leute in die kunterbunte 19 einziehen können. Ein kleines Risiko bleibt aber immer. „Man weiß nicht, welche Hindernisse auftauchen“, sagt er achselzuckend. So zeigten sich nicht unbedingt alle Banken hier in Leipzig kooperationsbereit in Sachen Kredit. Auch, wenn es eigentlich ein großes Anliegen der Stadt ist, dass leerstehende Häuser wieder belebt werden.

Die SpieszgesellenWir bücken uns wieder unter dem rot-weißen Absperrband am Treppenaufgang zum ersten Stock hindurch. Vor dem Schaubild, auf dem das Prinzip des Mietshäusersyndikats erklärt ist, bleiben wir stehen. Grundgedanke hierbei ist, mit wenig, bzw. sogar keinem Startkapital dauerhaft günstig wohnen zu können. Insgesamt besteht die GmbH aus zwei Teilen: dem Hausverein mit den Mietern und dem bundesweiten Verbund des Mietshäusersyndikats. Der Hausverein ist autonom und verwaltet sich selbst. „Das Mietshäusersyndikat hat eben nur ein Veto-Recht, wenn das Haus wieder verkauft werden soll oder jemand hier Profit draus schlagen will“, erklärt er weiter. „Eigentumswohnungen oder so n Quatsch, das geht nicht. Das ist rechtlich gesehen schlichtweg nicht möglich.“ Da es sich bei diesem Wohnprinzip um ein sehr etabliertes Modell handelt, trauen die Banken den Hausbewohnern normalerweise auch zu, dass sie ihr Projekt verwirklichen können. Nur einige Banken hier in Leipzig waren davon leider nicht ganz überzeugt… „Das ist eigentlich kein exotisches Modell mehr“, sagt er. „Im Gegenteil. Das ist ein gutes Modell für Selbsthilfe in Gruppen!“ Nach dem gleichen Prinzip soll dann auch das Nachbarhaus hergerichtet werden.

kunterbuntes Programm„Wir würden gerne mal wieder vorbeikommen, um hier den Wandel zu dokumentieren!“, sagen wir zum Abschied. Klaus ist einverstanden. „Viel Erfolg und vor allem viel Geduld“, sage ich. „Ja, Geduld, das braucht man!“, antwortet er und zeigt auf die Tür, die nach hinten zum Hof führt. „Solange wir da hinten im Hof aber so schön sitzen können, kann uns gar nix passieren“, fügt er optimistisch hinzu. Wir stecken unsere Köpfe durch die Tür. „Vorne ist das Leben und hier hinten ist einfach der ruhige, große Hinterhof“, schwärmt Klaus. Es gibt sogar noch einen Gewölbekeller. „Dieses Haus hat einfach so viele tolle Möglichkeiten und dann haben wir noch so nette Nachbarn. Und dafür kann man dann auch ein bisschen was tun. Da muss man was tun!“, sagt er entschlossen. Beim Hinausgehen winken wir und mischen uns wieder unter die Leute auf dem Georg-Schwarz-Straßen-Fest.

(Fotos: Karen Lemme/ Text: Helena Mohr)

4. Georg-Schwarz-Straßen-Fest

Spieglein, Spieglein„Planung ist alles!“, sagt man ja immer und so frage ich Karen im Vorfeld, wie wir das denn nun machen wollen mit dem Georg-Schwarz-Straßen-Fest. Ich muss zugeben, ich bin etwas aufgeregt. Wir beschließen, es wie immer zu machen: wir lassen die Eindrücke einfach auf uns regnen. Ein bisschen Vorbereitung kann ich mir jedoch nicht verkneifen und so beobachte ich seit Tagen den Wetterbericht. Je näher wir in Richtung Samstag kommen, desto schlechter ist die Prognose. Heute ist Samstag. Als ich am Morgen aufwache, strahlt die Sonne vom Himmel. Am Freitagnachmittag bin ich nochmal kurz in der Georg-Schwarz-Straße gewesen. Eigentlich war da alles wie immer. Bis auf die zwei Dixi-Klos in der Holteistraße…

Fotografie ist eine KunstMan munkelt, man könnte nur auf das Georg-Schwarz-Straßen-Fest, wenn man einen Hund, Dread-Locks, mindestens einen Piercing oder ein Kind hätte. Ich habe nichts von alldem. Aber, ich habe Besuch von einem echten Berliner. Ich weiß nicht, ob das auch zählt… Und später kommen nochmal drei echte Berliner. Und die haben ein echtes Kind dabei. Einen Hund konnten sie auf die Schnelle nicht mehr auftreiben. Mittlerweile hat sich der Himmel zugezogen, dicke Wolken hängen über Lindenau. Um 14 Uhr treffen wir uns mit Karen am Lindenauer Markt. Vorher hatte sie mir noch aufgetragen, eine Einweg-Kamera zu kaufen. „Da haben die Bilder so einen schönen Retro-Touch!“, schwärmt sie. Ich bin froh, da ich dieses Gerät ohne Probleme bedienen kann. Es hat nur einen Knopf, das ist der Auslöser. Und es gibt sogar einen Blitz. Wenn der Film voll ist, dann erscheint ein großes X auf der Anzeige. Klingt simpel, ist es eigentlich auch.

Bei den vorbeigehenden Menschen raten wir, wer von ihnen zum Georg-Schwarz-Straßen-Fest gehen könnte. Alles in allem ist das ziemlich leicht. Wir orientieren uns einfach an den oben genannten Kriterien: Dread-Locks, Piercings, Hund oder Kind.

Alles andersRund um den Lindenauer Markt ist alles noch ganz ruhig. Als wir von der William-Zipperer-Straße in die Holteistraße einbiegen, ist es, als tauche man in eine andere Welt ein. Hunderte Menschen drängen sich vor den Ständen, den Bühnen, sitzen auf Bierbänken oder im Gras. Wir schlendern vorbei an Essensständen, dem Stand des Magistralenmanagements und der MitgestALTER (Engagement von und für Senioren rund um die Georg-Schwarz-Straße), der Hüpfburg vom Rockzipfel (Eltern-Kind-Büro) sowie den beiden Dixi-Klos. Auf der unteren Bühne spielt gerade die Band „Captain Katze plays with Fire“. Nach einem kurzen Abstecher in den Hinterhof von kunZstoffe (urbane Ideenwerkstatt e.V.) treffen wir auf die extra angereisten Berliner. Sie haben das Kind dabei. Wobei wir uns auch ohne Kind, Hund, verfilzten Haaren oder Piercings sehr wohl fühlen und uns prima in die kunterbunte Masse einfügen.

So ein krimZkramsDie Berliner sind extra aus der Hauptstadt gekommen, um sich mal anzuschauen, „was das für eine Straße ist“. Sie sind hellauf begeistert und nehmen gleich einen Kaffee mit Soja-Milch an einem der Stände in der Holteistraße. Unsere Gruppe spaltet sich auf. Karen und ich steuern direkt auf‘s krimZkrams (Materialsammlung von kunZstoffe) in der Hausnummer 11 zu. Davor ist ein Tisch aufgebaut, an dem man Kleider tauschen kann. Drinnen treffen wir Marie, eine der drei Gründerinnen. Gemeinsam mit Christine und Kordula hat sie den Laden letztes Jahr im Sommer eröffnet. Einmal im Monat veranstalten sie einen Workshop und kooperieren auch mit den Kleidertausch-Mädels, die draußen vor der Türe sitzen. Kleidertauschen kann man immer am ersten Mittwoch im Monat. Karen setzt sich auf eine Stufe und wird plötzlich von einem großen, braunen Hund stürmisch begrüßt. Ich frage Marie nach drei Worten für die Georg-Schwarz-Straße. Sie überlegt ganz kurz und sagt dann: „Amüsant, gediegen, Kaffee trinken“.

Tausch doch malEin kleiner Junge mit seinem Vater kommt herein. „Wir suchen eine Ballwerfbude!“, sagt der Vater. Marie läuft nach hinten und holt vier Holzkegel, die der Hund mehrmals mit seinem Schwanz umwedelt. „Hm, jetzt brauchen wir nur noch etwas ballartiges“, überlegt sie und kommt wenig später mit einem Wollknäuel wieder. Fertig ist die Ballwerfbude. Bevor sie nach draußen geht, sagt Marie zu uns: „Kommt doch mal vorbei, wenn hier Kleidertausch ist, da ist hier richtig was los!“ Die Veranstalterinnen vom Kleidertausch laden uns zum nächsten Termin am 5. Juni ab 19 Uhr ein. Auch eine ältere Dame interessiert sich für das Tausch-Prinzip. „Ich habe noch so viele Sachen, wäre doch schade drum!“, sagt die Frau.

Es tut sich wasVor der Schwarzwurzel (ein Bio-Mitgliederladen, Eröffnung am 21.Mai) und dem Fundbureau (Projekt zum Thema Wende, DDR, Geschichte und Identität) in der Hausnummer 14 sitzen die Leute draußen in der Sonne. Wir wechseln die Straßenseite und kommen am Haus Nummer 19 vorbei. Neugierig schauen wir durch die Eingangstüre, die weit offen steht. Wir gehen durch den kühlen Hausflur und begegnen Klaus Schotte. Er fragt, ob wir uns das Haus ansehen kunterbunte 19wollen und prompt bekommen wir eine private Führung durch die 560 qm große kunterbunte 19. Mit offenen Mündern stapfen Karen und ich die ausgetretenen Stufen des alten Hauses aus dem Jahre 1888 hinauf. Gespannt lauschen wir dem Wahl-Leipziger. Seine drei Worte für die Georg-Schwarz-Straße sind: „Diese Mischung, die Möglichkeiten und das gegenseitige Helfen“. Innerhalb von einer knappen halben Stunde erfahren wir so viele spannende Dinge über die Bewohner, ihre Pläne und das Haus, dass das an dieser Stelle kaum Platz hätte. Es ist sogar so viel, dass es über die kunterbunte 19 hier im Georg-Schwarz-Straßen-Blog einen eigenen Bericht geben wird… Es bleibt also weiter spannend!

SeifenblasenBeeindruckt treten wir aus dem Hauseingang. Auf Höhe der Hausnummer 18 öffne ich meine Seifenblasen-Flasche, die ich extra für das Georg-Schwarz-Straßen-Fest angeschafft habe. Ich puste ein paar schillernde Blasen in die laue Frühlingsluft. Gefühlte hundert Mal. Es ist schwer, die zarten Geschöpfchen mit der Kamera einzufangen. Eine Seifenblase zerplatzt an der Linse von Karens Kamera. Drei Jungs um die 20 gehen an uns vorbei. Sie weichen meinen Seifenblasen aus. Einer dreht sich genervt zu seinen Freunden um. „Die Straße ist da hinten genauso scheiße wie hier vorne!“, grummelt er. Karen und ich schauen uns verdutzt an und müssen lachen.

Veganes EssenZurück auf der Holteistraße stellen wir uns in der Schlange bei „Veganes Essen gegen Spende“ an. Irgendwann später am Abend verspreche ich mich und sage zu meinen Freunden: „Da gibt’s Spende gegen Geld!“ Wir wissen nicht genau, was wir da essen, aber es schmeckt gut. Karen sagt: „Das fühlt sich voll gesund an!“ CampingDas Geschirr spült man selbst in zwei Plastikschüsseln. Zwei mit Schaum, eine mit klarem Wasser. Ein bisschen erinnert das an Camping. Ein paar Stände weiter gibt es vegane Schoko-Tarte. Vegan, gluten- und sojafrei. „Mhh, voll saftig! Ach, ich mag die Georg-Schwarz-Straße!“, freut sich Karen nach dem ersten Bissen.

Bevor Karen nach Hause fährt, drückt sie mir die Kamera in die Hand. Sie sieht meinen ängstlichen Blick und sagt: „Ach, da kann man nicht viel falsch machen!“ Glaubt mir, man kann… Da stehe ich nun, mit weißem Stoffbeutel, Sonnenbrille und der Kamera um den Hals. Ich mache eine kleine Georg-Schwarz-Straßen-Pause und treffe meinen Berliner Besuch in einem ruhigen Café in der Merseburger Straße. Sie sind schwer beeindruckt vom wilden Leipziger Westen. „In Berlin haben wir mal in der Spittastraße gewohnt und ne Holteistraße gibt es in Friedrichshain ooch!“, erzählen sie mir. Gegen 17 Uhr tritt ein Teil die Heimreise in Richtung Berlin an.

Hof-FlohmarktZu zweit schlendern wir zurück in Richtung Georg-Schwarz-Straße. Die Kamera habe ich mittlerweile an meinen Besuch aus Berlin abgegeben. „Das ist ganz leicht!“, sage ich. Zudem denke ich, wer (fast) in Friedrichshain wohnt, sollte mit einer digitalen Spiegelreflex-Kamera umgehen können… Vor der Flora-Apotheke ist eine Armada von Fahrrädern angeschlossen. Wir biegen in den Hof der Hausnummer 1 ein. Vorher begegnen wir noch einem Junggesellenabschied mit neon-farbenen T-Shirts, lauter Musik und komischen Kopfbedeckungen. Ein junger Mann im weißen Hemd läuft uns ins Bild. „Das wird alles veröffentlicht!“, rufe ich ihm hinterher. Er bleibt Hofflohmarktstehen und dreht sich langsam um. Wir halten die Luft an. Und dann posiert er wie ein Modell. Im Laufe des Abends begegnen wir uns noch einige Male und immer wieder gibt er alles vor unserer Kamera. Wir schlendern über den kleinen Hof-Flohmarkt und fahren ein überteuertes Retro-Bike Probe. Fast hätten wir uns verleiten lassen, aber der Standbesitzer bleibt eisern und lässt nicht mit sich handeln. So ziehen wir ohne verrostetes Retro-Fahrrad weiter.

Mittlerweile hat sich das Straßenfest gut gefüllt. Wie ich später lese, sollen es zu den Stoßzeiten zwischen 12 und 18 Uhr sogar rund 4000 Besucher gewesen sein. Ich freue mich immer wieder, wenn die Tram 7 neue Besucher auf das Georg-Schwarz-Straßen-Fest bringt. Für die Auto- und Straßenbahnfahrer werden die vielen Menschen auf der Straße allerdings zur Zerreißprobe. Der ein oder andere verliert da schon mal die Nerven und hupt, bzw. klingelt sich im Falle der Tram, wild gestikulierend den Weg frei.

2Im Flur des kunZstoffe-Hauses wollen wir ein paar Fotos machen. Die Leute die vorbeigehen, warten rücksichtsvoll oder machen wilde Verrenkungen, um nicht ins Bild zu laufen. Gerade, als mein Berliner Freund auf den Auslöser drückt, kommt ein großer Mann durch den Eingang. „Ach, das wird jetzt auf jeden Fall ein Kunstfoto!“, lacht er und verschwindet in der Menge hinten im Hof.

„Wat mut, dat mut!“ und so stellen wir uns in die Dixi-Klo-Schlange an. Nebenan kann man seine Unterschrift für eine Initiative gegen Privatisierung leisten. Zwei Mädels laufen an mir vorbei und die eine sagt zur anderen „Ja, das ist schon voll schön hier, wa?!“ Genau, finden wir auch!

EnricoIch treffe Enrico am Magistralenmanagement-Stand. Er war schon den ganzen Tag als rasender Reporter unterwegs und hat fleißig Fotos vom Fest geschossen. Im Sommer, als ich ein vierwöchiges Praktikum beim Magistralenmanagement absolviert habe, saßen wir zusammen im Stadtteilladen Leutzsch. Wir erinnern hinZundkunZuns an das Georg-Schwarz-Straßen-Fest vom letzten Jahr. Da fällt mir eine besondere Situation ein. So stand ich im letzten Jahr zu später Stunde im Flur von hinZundkunZ (offener Projektraum von kunZstoffe) und diskutierte mit fremden Leuten darüber, wo denn nun „hier“ oder „da“ sei. Wir hüpften wild im Flur hin und her, um zu zeigen, wo für uns jeweils das eine oder das andere ist. So manch einem hüpfte ich auf den Fuß. Das weiß ich noch… Und als uns dann jemand sagte, dass es im Spanischen drei Worte für „hier“ und „da“ gebe, war das Chaos perfekt.

Kurze Zeit später flitzt Danie, ebenfalls Magistralenmanagement, an mir vorbei. „Na, sammelst du Eindrücke?“, fragt sie. Ich grinse. „Ja, es kommt mir vor, als sei dieses Jahr mehr los als letztes Jahr, oder?“„Na ja, es wird jedes Jahr ein bisschen mehr. Dieses Jahr haben wir aber nicht so viele Stände. Ach, ich bin aber so froh, dass das Wetter gehalten hat!“ Sie lächelt und verschwindet wieder in der Menge.

Die Welt zu GastGegen 18 Uhr treffen wir noch ein paar Freunde aus der Uni. Nun sind wir drei Berliner, eine Bayerin und eine Thüringerin. Wir gehen nochmal zum Essen gegen Spende-Stand. Der Junge von heute Mittag steht immer noch da. Sein Kollege hinter ihm brät in einer riesen Pfanne nach wie vor geduldig lila-farbene Bratlinge. Wir beobachten einige Leute, die neugierig um den Stand schleichen, stirnrunzelnd auf den Teller schauen und laut überlegen, was da drauf sein könnte. „Ich beantworte auch Fragen!“, sagt der junge Herr, bereits leicht genervt. Anstatt wie üblich von rechts, stellt sich jemand, „aus Versehen“, von links an. Die Person legt einen Euro in die Spenden-Box, nimmt sich 50 Cent Rückgeld, zwei Teller und geht. „Danke“ haben wir nicht gehört. In der Gruppe löffle ich heute also schon zum zweiten Mal vom veganen Mischteller. Zwei Frauen bleiben neben uns stehen. Mit schwäbischem Dialekt sagt die eine: „I wois ned, was des isch, aber I frog mol…“ Wir zeigen auf den Stand neben uns. „Was hasch dafür zahlt?“, will sie wissen. „Essen gegen Spende!“, antworten wir mit vollem Mund. „Ach Goddele!“, sagt die Dame entzückt und reiht sich in die Essensschlange ein. Brav spülen wir unser Geschirr und bedanken uns bei einem jungen Mann, der abtrocknet.

Ich gebe Alina meine Seifenblasen und sie fängt an, sie wahllos in die Menge zu pusten. Die Blasen zerplatzen auf Rucksäcken, Brillengläsern oder hellen Jacken der vorbeigehenden Leute. Wir ernten den ein oder anderen verständnislosen, bzw. vorwurfsvollen Blick. Die vielen Kinder aber sind entzückt. „Aber, ich glaube, ich habe mich am meisten darüber gefreut!“, sagt Alina grinsend.

An uns pest ein kleines Mädchen mit ihrem Fahrrad vorbei. Fast ungebremst fährt sie in einen Mann hinein, der gerade einen großen Koffer mit Band-Equipment wegbringt. Sie blickt nach oben und schaut den Mann mit der Sonnenbrille genervt an. Dann dreht sie den Lenker und braust in die andere Richtung davon.

Freddy, ebenfalls aus Berlin sagt: „Meine drei Worte für die Georg-Schwarz-Straße: Kreuzberg, bunt, knorke!“ „Chillig!“, ruft Alina von hinten und macht noch mehr Seifenblasen.

Hin und HerGegen 19 Uhr taucht jemand auf, den ich den ganzen Tag schon schmerzlich vermisst habe: die Sonne. Tapfer kämpft sie sich durch die Wolken. Wir gehen, ca. das dreihundertsiebenundachzigste Mal, von der Holteistraße quer über die Georg-Schwarz-Straße in Richtung MC Storch. Dort wollen wir den Tequila-Stand, den ein paar junge Leute vor der Buchhandlung Grallert aufgebaut haben, aufsuchen. Auf dem Gehweg kommt uns ein kleiner, brauner Hund entgegen. Souverän schIängelt er sich durch die Menge. Ich bleibe stehen, bücke mich zu ihm herunter und berühre seine winzige Schnauze. Er sieht mich kurz mit seinen braunen Knopfäuglein an, hüpft dann aber schnell weiter. Wenig später schwankt uns ein älterer Herr entgegen. Er klammert sich an seinem Rad fest und sagt: „Hat jemand meinen Hund gesehen?“ Wir bilden eine Gasse, um den Blick auf das kleine Tier freizumachen. „Danke!“, sagt er etwas beschwipst und folgt seinem Hund, der genau zu wissen scheint, wo es lang geht. Fast schon vorwurfsvoll schaut das Hündchen drein. Nach dem Motto: „Kommst du endlich?“

„Kommt mal ran hier“, ruft der Junge, als wir etwas zögernd vor dem Tequila-Stand stehen. Es ist, wenn man es genau nimmt, eine Holzgarnitur, bestehend aus einem Tisch und einem Stuhl auf der zwei Flaschen Schnaps stehen. Einer der Jungs hält ein Tablett mit Zitronen -und Orangen-Scheiben. „Silber oder Gold?“, fragt er uns. „Na, du siehst doch eher nach Gold aus!“, meint er grinsend als er Alina anschaut. „Soll ich mal deinen Notizblock halten?“, fragt mich der junge Mann, als er sieht, dass ich mit Block, Schnaps und Zitrone überfordert bin. Er nimmt mir den Block aus der Hand. „Was schreibst du denn da?“, fragt er und schaut auf meine Notizen. Er runzelt die Stirn. „Ach, ich kann gar nichts lesen!“, sagt er und gibt mir den Block zurück. „Wie laufen denn die Geschäfte? Ihr könnt euch sicher nicht beschweren, oder?“, erkundige ich mich. „Ach, wir beschweren uns einfach nicht!“, antwortet einer aus der Gruppe augenzwinkernd.

Wir stehen gerade lachend in der Runde, da nähert sich von hinten ein älterer Herr. Er schaut auf meinen Notizblock und säuselt: „Schreibst du mir einen Liebesbrief?“ Ich male ein großes rotes Herz auf einen Zettel und schreibe unsere Namen hinein. Er nimmt das abgerissene Blatt, küsst einmal darauf und ruft: „Ein bisschen Spaß muss sein!“ Im Gehen dreht er sich nochmal kurz um und fragt: „Habt ihr nicht noch einen Bilderrahmen dazu?“

KinderaugenNach einem kleinen Zwischenstopp im kunZstoffe-Hinterhof, gehen wir zurück in die Holteistraße. Ich hole noch einmal die Seifenblasen heraus und puste in die Menge, die „Their Majesties“ lauscht. Ein kleiner Junge starrt gebannt auf die schillernden Blasen. Tapsig kommt er zu uns herüber. Ich beuge mich zu ihm herunter und versuche, perfekte Seifenblasen zu machen. Jedes Mal, wenn er eine Blase mit der Hand erwischt oder eine in seinem, bzw. in meinem Gesicht zerplatzt, lacht er aus vollstem Herzen. Irgendwann geht mir die Puste aus. Als ich mich wieder aufrichte, applaudiert er begeistert.

Wir beobachten ein kleines Mädchen mit Ohrschützern, das mit ihrem Vater rechts von uns steht. Nach Vorbild der Erwachsenen mit Kind, hat sie ein Stofftier auf ihren Bauch gebunden. Es ist mit einem Schal festgeknotet. Wir rätseln, was es sein könnte. „Murmeltier“ ist der erste Gedanke. „Hm, könnte auch ein Biber oder ein Wombat sein. Oder eine Bison-Ratte.“ Dass es sich bei einer Bison-Ratte um eine sehr skurrile Kreuzung handeln würde, fällt uns erst nach einiger Überlegung auf. „Irgendwas ist da doch falsch…“

Auf der Erde„Es gibt hier keine Zuckerwatte!“, stellt Freddy enttäuscht fest. Gegen 8 Uhr abends verlassen wir das bunte Georg-Schwarz-Straßen-Fest. Wir gehen an einem Jungen vorbei, der flach auf der Straße liegt. Ohne Decke. Seine Augen sind geschlossen, er lauscht der Musik. Wir schlendern in Richtung Lindenauer Markt, um uns herum wird es still. Und dann geben wir uns nun das absolute Kontrastprogramm: die Leipziger Kleinmesse. Am Zuckerwatte-Stand und am Riesenrad treffen wir ein paar Leute wieder, die wir auch schon auf dem Georg-Schwarz-Straßen-Fest gesehen haben…

Hier sind meine 3 Worte, bzw. Gedanken für das Georg-Schwarz-Straßen-Fest: Die Welt zu Gast – offene Türen – bis zum nächsten Jahr! 

(Fotos: Karen Lemme/ Tim Wunderlich; Text: Helena Mohr)

Kurzmitteilung

Georg-Schwarz-Straßen-Fest

Viele Wege führen in die Georg-Schwarz-Straße

Ding, Dong, liebe Freunde der Georg-Schwarz-Straße. Am 4. Mai findet ab 10 Uhr zum 4. Mal das Georg-Schwarz-Straßen-Fest statt. Karen und ich werden an diesem Tag auch da sein. Als rasende Reporter, mit der Kamera und dem „Diktator“ im Anschlag… Überlegt euch also schon mal eure drei Worte für die Georg-Schwarz-Straße!!!

Bis bald in unserer Lieblingsstraße!!!

Infos zum Fest: https://www.facebook.com/events/136146986549129/?fref=ts

(Foto: Karen Lemme/ Text: Helena Mohr)

„Das Problem sind nicht die Fische, sondern das Wasser!“

Bella ItaliaVorwort: Die Fotos entstanden am 11.04.2013. An diesem Tag wartete ich vor dem Bistro Amico auf Karen, meine Fotografin. Ein Junge kam mit seiner Mutter heraus, in der Hand hielt er zwei Becher Eis. „Mama, da gibts Eis im Brötchen!“, rief er und blieb stehen. Entnervt schubste sie ihn weiter und sagte: „Was? Ich esse doch kein Eis im Brötchen!“ „Hm, wenn die wüsste…“, dachte ich mir.

Bei Giuseppe ging es an diesem Donnerstag zu wie im Taubenschlag. Wir trafen sogar auf zwei echte Italiener, die am liebsten ihren eigenen Blog gehabt und uns dafür vom Fleck weg engagiert hätten. Aber wir bleiben unserer Georg-Schwarz-Straße treu!!!

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Amico Kurz vor 14 Uhr betrete ich das Bistro Amico in der Georg-Schwarz-Straße, Ecke Wielandstraße. Giuseppe, der Besitzer steht hinter der Theke. „Hallo, wie geht’s?“, begrüßt er mich freundlich. „Gut, und dir? Darf ich überhaupt du sagen?“, antworte ich. Er nickt und streckt mir zur Begrüßung den Arm entgegen. Seine Hände sind noch voller Mehl vom Pizza machen. Wir gehen die Treppe nach oben und setzen uns an einen Tisch am Fenster. Giuseppe erweist sich als hervorragender Gastgeber. „Willst du etwas trinken? Kaffee, Cappuccino?“ Während ich den Diktator (mein Diktiergerät) präpariere, macht Giuseppe mir unten Kaffee. Im Hintergrund läuft italienische Musik. Sonst sind keine Gäste da. „Abends ist mehr zu tun“, erzählt er mir später.

Der Meister der PizzaAuch über Ostern hat er geöffnet. Karfreitag, Ostersonntag, Ostermontag. „Ja, Gastronomie ist so“, erwidert er achselzuckend. Nur dienstags ist Ruhetag. Ich erzähle ihm, dass ich am Dienstag hier vor verschlossener Türe stand. Er lacht. „Ja, einen Tag brauche ich frei. Aber, das ist nicht festgelegt. Ich probiere das erst mal so.“ Seit Juli 2012 gibt es sein Bistro nun schon. Anfangs nur mit Eis, seit Januar bietet Giuseppe auch Pizza an. Sein Geschäft läuft immer besser. „Februar war besser als Januar, der März jetzt ist besser als Februar.“ „Und was wird mehr angenommen, Pizza oder Eis?“, will ich wissen. „Im Moment Pizza, aber ich denke, das mit dem Eis wird auch. Eiszeit ist ja nur im Sommer. Pizza geht das ganze Jahr“, antwortet er.

Ich rühre in meinem Kaffee und frage ihn nach der großen Plastik-Pizza, die draußen neben der Eingangstüre hängt. „Die ist neu, oder?“ „Ja, die habe ich von Italien geholt“, erzählt er. Ursprünglich komm Giuseppe aus Italien. Aus Sizilien, um genau zu sein. Er ist seit über zehn Jahren in Deutschland. „Früher habe ich in Düsseldorf gearbeitet, bzw. in Mönchengladbach bei Düsseldorf. Dann war ich in Grimma und seit fünf, sechs Jahren bin ich hier in Leipzig.“ Giuseppe mag Leipzig. „Eine schöne Stadt. Eine ruhige Stadt“, sagt er.

In Sizilien wurde es ihm als junger Bursche irgendwann langweilig. „Ich war 19, 20 Jahre alt und dann habe ich angefangen, erst mal in Norditalien und dann in Deutschland zu arbeiten.“ „Dann bist du jetzt also 30!“, rechne ich laut. „Nee, 37“, korrigiert er mich. „Zwischenzeitlich war ich dann auch mal wieder in Italien und habe da in verschiedenen Restaurants gearbeitet.“  „Ist das dein erstes eigenes Restaurant?“, will ich wissen. „Ja… Äh, nein, entschuldige, ich habe in Grimma auch eines gehabt. Mit meinem Bruder zusammen. Neun Monate lang“, erzählt er weiter. Als der Bruder aber wieder nach Italien zurückging, konnte Giuseppe das Restaurant nicht mehr halten. Er hat insgesamt noch vier Brüder. „Wow, kein Mädchen dabei?“, frage ich erstaunt. „Nee, nur meine Mama“, grinst Giuseppe. Einer seiner Brüder hat eine Pizzeria in Norditalien, in Parma. Der zweite arbeitet in der Schweiz und die beiden anderen sind noch in Sizilien. Wann immer es ihm möglich ist, versucht er, seine Familie zu besuchen.

Erst kommt der Laden„Hast du überhaupt schon mal Urlaub gemacht, seit der Eröffnung?“, hake ich nach. „Nee, jetzt nicht. Das geht schwer. Ich bin ganz neu hier.“ Giuseppe müsste dann erst jemanden finden, der den Laden macht. Zurzeit stemmt er das hier alles allein. Später will er vielleicht mal jemanden einstellen, der bedient oder so. Wenn Giuseppe frei hat, versucht er abzuschalten und tut Dinge, die ihm Spaß machen. Kino oder auch selbst mal ins Restaurant gehen und sich bekochen lassen. „Aber manchmal habe ich etwas zu tun. Das ist wichtig. Erst kommt der Laden und dann meine Freizeit!“, sagt er bestimmt.

 

Laut knisternd öffne ich die Verpackung von meinem zum Kaffee servierten Keks. „Und das Essen machst du alles selber hier?“, frage ich. „Das mache ich alles selber. Tiramisu, Panna Cotta.“ Er zeigt auf die Dessert-Spalte in seiner Karte. Ich lese weiter. „Pro Fiteroles, Sizilianische Cassata…“ „Ja, das sind wie Eistorten im Prinzip. Eine Spezialität aus Sizilien. Und dann mache ich auch verschiedene Kuchen, aber nicht immer“, erklärt er.

Pizza ist eine italienische KulturGiuseppe ist gelernter Koch. „Und wir Deutsche stehen auf italienisches Essen, weil es eben einfach gut schmeckt!“, rufe ich begeistert. „Auch deutsches Essen ist gut. Jeder hat seine Spezialitäten. Aber, was ich will, ist eine traditionelle Pizzeria wie in Italien“, entgegnet er ruhig. Er könnte sich vorstellen, in Zukunft auch noch Lasagne und Nudeln anzubieten. „Im Prinzip gibt es die Standardpizzen, die es auch in Italien gibt!“, sagt Giuseppe. Einen Schritt nach dem anderen ist sein Motto. „Und hast du dir mal überlegt, was mit Lieferservice zu machen?“, drängele ich. „Ja, habe ich, aber da muss man ja auch Werbung machen. Ich mache lieber wenige Dinge und dafür gut!“, belehrt er mich. „Ich kann hier alles reinschreiben.“ Er hält die Speisekarte hoch. „Asiatisch, Mexikanisch. Aber Pizza ist eine richtig italienische Kultur.“ Giuseppe hält nichts davon, 100 verschiedene Sorten Pizza anzubieten. Auch beim Eis bleibt er lieber bei den Basis-Sorten. Schokolade, Vanille, Erdbeere oder Haselnuss gehören für ihn in seine Eisvitrine. Das mögen die meisten Leute eh am liebsten. „Fantasie ja, aber keine Perversion!“, lacht er. „Auch bei Pizza kann man alles draufmachen, aber das bedeutet nicht, dass alles passt. Viele spielen mit Pizza. Man soll sie essen und nicht damit spielen.“ Die Basis Giuseppe steht auf und geht zu den getrockneten Oregano-Zweigen, die oberhalb des Pizzaofens in einer Vase stehen. Er zupft ein wenig davon ab und streut es mir in die Hand. Ich schnuppere hinein. „Ach, das riecht ganz fantastisch!“, quietsche ich. Wie einen wertvollen Schatz bewahre ich den Oregano noch eine Weile in meiner Hand auf, dann brösele ich ihn in die leere Kaffeetasse.

Typisch Italien

 

Sofort fragt Giuseppe mich: „Noch einen Kaffee? Oder was anderes?“ Ich entscheide mich für ein Wasser. Als er zurückkommt, zeige ich auf die Glasflaschen, die auf dem Tisch stehen. Auch das ist typisch italienisch – Wasser zum Essen. Weil er Wert auf Originalität legt, serviert er die Pizzen auch noch ganz traditionell auf einer Holzplatte. Seine Produkte stammen alle original aus Italien. Für Giuseppe ist Qualität wichtig. Und das wissen auch seine Kunden zu schätzen und kommen gerne wieder. Mittlerweile hat er schon einige Stammgäste. Die Kinder der benachbarten Schule sind große Eis-Fans und auch die Mitglieder des Tischtennisvereins um die Ecke schauen regelmäßig vorbei.

„Und wie findest du die Leute hier in der Georg-Schwarz-Straße?“, frage ich. „Ja, die sind nett!“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Auch, dass er Italiener ist, stellt hier kein Problem dar. „Na ja, die denken sicher alle, dass du von der Mafia bist und haben deshalb Angst vor dir!“, scherze ich. Er lacht und schüttelt den Kopf. Auf die Frage, ob er es hier gefährlich findet, schaut Giuseppe mich erstaunt an. „Wo? Hier? Nee, bis jetzt nicht“, sagt er. Er findet, die Georg-Schwarz-Straße hat sich schon mächtig entwickelt. „Ich habe mal gehört, dass es früher eine gute Straße war. Und ich bin da optimistisch, was die Zukunft angeht!“, entgegnet er freudig.

Ich bin glücklichFrüher hat er in der Erich-Köhn-Straße gewohnt. „Und dann habe ich gehört, dass die in der Georg-Schwarz-Straße von der Stadt was machen.“ Vorher war das ein Laden, in dem Softeis zum Mitnehmen verkauft wurde. „Ich wollte immer so was, einen kleinen Laden. Mit wenigen Tischen. Dafür mehr Qualität anbieten“, schwärmt er. „Ich denke mir, nicht alle Restaurants sind im Zentrum. Und außerdem wollte ich auch meinen Teil zur Verbesserung der Straße beitragen“, fügt er hinzu. „Und bist du glücklich mit dem Laden hier?“, frage ich. „Ja!“, antwortet er ohne zu zögern und lächelt. „Ich tue mein Bestes!“ Finanzielle Hilfe hat er jedoch keine in Anspruch genommen. „Nee, das kommt alles von mir!“

Das Amico ist, bis auf Dienstag, jeden Tag von 12.45 Uhr bis 22.00 Uhr geöffnet. „Das ist eine lustige Uhrzeit, 12.45 Uhr“, sage ich. „Deswegen habe ich es auch gemacht!“, grinst er. Ich finde, man kann es sich auf jeden Fall gut merken. „Und ich bin pünktlich um 12.45 Uhr mit allem fertig!“, erklärt er. „Vorbereitung ist wichtig!“, betont Giuseppe. Und wenn möglich, würde er sogar gerne bis 24 Uhr öffnen. „Für das Geschäft mit der Pizza ist das besser.“

Ein bisschen rustikalUm die Inneneinrichtung hat Giuseppe sich selbst gekümmert. Er zeigt auf die terrakottafarbene Wand. „Das habe ich selbst gemacht.“ Nun deutet er auf das Bild gegenüber der Eingangstür. „Aber das war schon da.“ Wie, als stünde man auf einem weißen Balkon, zeigt die Wandmalerei den Blick aufs Meer. „Ach, ein bisschen Meer in der Georg-Schwarz-Straße…“, seufze ich. „Ich wollte es ein bisschen rustikal“, sagt er und lässt seinen Blick durch seinen Laden schweifen. Er weist mich auf eine rote Waage hin. „Sechziger Jahre!“, sagt Giuseppe stolz. „Und das Brot, das da drauf liegt? Auch Sechziger Jahre?“, scherze ich. Er lacht und zeigt auf eine Pizza, die neben mir an der Wand hängt. „Das ist richtiger Teig. Das soll mal eine Pizza-Uhr werden.“

Italienische Qualität„Und, ist Eis machen kompliziert?“, erkundige ich mich. „Na ja, nicht kompliziert, aber man braucht die richtige Qualität bei den Produkten“, antwortet er. Das Eis bekommt Giuseppe von einem Freund geliefert. Dieser hat ein italienisches Café in der Stadt. „Im Moment habe ich sieben Sorten.“ Zum Sommer hin wird es dann mehr Auswahl geben. „Gibt es in Leipzig eigentlich viele Italiener?“, frage ich. Nicht so viele wie in anderen Städten, erzählt er mir. „Ich erinnere mich. In Düsseldorf damals waren wir viele Sizilianer.“ Sein Chef dort war auch Sizilianer. „Von ihm habe ich viel gelernt.“ Die Arbeit im Eiscafé hat ihm viel Spaß gemacht. Auch, wenn oft von Februar bis Oktober durchgearbeitet wurde. Nun ist er aber froh, sein eigenes Ding machen zu können. „Wenn man lange in der Gastronomie gearbeitet hat, dann ist es irgendwie immer dein Ziel, mal etwas selbstständig zu machen.“

Ab und zu siezt mich Giuseppe aus Versehen. „War es schwer für dich, Deutsch zu lernen?“, frage ich ihn. „Nee, nicht schwer. Aber, rede ich gut Deutsch?“, fragt er mich. „Ja, total! Und wir Deutschen finden doch den Italienischen Akzent so toll!“, entgegne ich lachend. „Deutsch ist zwar eine schwierige Sprache, aber eine schöne Sprache. Manchmal bin ich noch ein bisschen unsicher!“, gibt er zu.

Little Italy„Ist es in Deutschland denn schwierig, sich selbstständig zu machen?“, erkundige ich mich. Giuseppe lacht. „Na ja, nicht so schwierig wie in Italien. Da dauert es zehn Jahre, bis du einen Laden aufmachst“, fügt er augenzwinkernd hinzu. Ich spiele auf die aktuelle Lage Italiens an. Er zuckt mit den Schultern. „Wie ich immer sage: Die Probleme in Italien, das sind nicht die Fische, das ist das Wasser. Berlusconi ist nicht DAS Problem von Italien.“ „Die Probleme gibt’s schon länger. Jetzt, in der EU, haben sie eben nur alles in einen Topf geschmissen!“, merke ich an. Giuseppe bringt ein passendes Beispiel: „Es ist so, als würdest du ein Kind von 3 Jahren, ein Kind von 10, eines von 18 und zwei Erwachsene von 35 und 70 einfach zusammen sperren.“ Und ich ergänze: „Und dann sagt man zu ihnen: So, jetzt spielt miteinander und vertragt euch gut.“ Er lacht und lehnt sich zurück. „Das dauert lange, die Kulturen sind eben verschieden.“

Ich war erst einmal in Italien. „Stimmen denn die Klischees, von wegen, alle Italiener wären unpünktlich?“, frage ich. „Norditaliener sind auch pünktlich. Die in Süditalien nicht“, klärt er mich auf.  Im Moment möchte Giuseppe nicht zurück nach Sizilien. „Nur für einen Besuch. Aber, ich fahre mit dem Zug, weil ich Angst vorm Fliegen habe.“ Die Reise dauert fast 2 Tage. Mit dem Flugzeug wären es nur zwei Stunden. „Aber, im Flugzeug, da sind so viele Kabel und wenn dann eines…“ Ich winke ab. „So genau will ich das gar nicht wissen!“, rufe ich. „Sizilien ist schön, oder?“, frage ich. Er nickt. Ich schlage meinen Timer auf und versuche, Italien detailgetreu aufzumalen. Der Stiefel sieht er aus wie ein Klumpfuß, aber Giuseppe ist gnädig mit mir und malt geduldig die Insel Sizilien neben mein unförmiges Gebilde. „Kalabrien und dann kommt Sizilien. So ungefähr eine halbe Stunde mit dem Schiff“, gibt er mir Nachhilfe in Geographie.

Amico heißt FreundAmico heißt Freund, oder?“, sage ich ein wenig gönnerhaft. Er nickt. „Und Amica heißt Freundin“, feuert er zurück. „Das finde ich gut, weil der Name kurz ist. Das können die Leute sich gut merken.“ Zusammen mit seiner Freundin hat er den Namen für sein Bistro ausgesucht. Sie kommt aus Deutschland und ist selbst großer Italien-Fan. „Sie liebt auch die Sonne“, sagt er. Von Sizilien war sie hellauf begeistert. Bei dem Gedanken an Italien schweife ich ab und träume vom Meer und warmen Temperaturen. „Ach, da ist es jetzt auch schlechtes Wetter. Vielleicht nicht ganz so kalt, aber Regen und Wind“, holt mich Giuseppe wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Ich horche auf. „Das ist doch Eros Ramazotti, oder?“ Meine Augen beginnen zu leuchten. Er verzieht das Gesicht. „Das? Nee, das ist Edoardo Bennato.“ Ich oute mich als großer Eros-Fan. „Der ist in Deutschland sehr bekannt. Ich finde ja Adriano Celentano besser“, grinst er.

WeltenbürgerZum Schluss frage ich ihn, ob er sich denn mehr als Deutscher, Italiener oder gar Europäer fühlt. „Ich fühle mich als von dieser Welt. Weltenbürger!“, sagt er entschieden. Mit der deutschen Mentalität kommt Giuseppe gut zurecht. „Ich finde außerdem nicht, dass die Leute hier zu mir, sondern ich zu den Leuten hier passen muss.“ Immer wieder während des Gesprächs betont er, wie zufrieden er hier ist. „Es gibt überall komische Leute, aber vielleicht haben die Menschen hier sogar etwas mehr Herz als anderswo“, fügt er zufrieden hinzu.

Wir bringen gemeinsam das Geschirr nach unten. Beim Hinausgehen fällt mir ein Bild auf. „Was ist das?“, frage ich. „Das ist Eis-Brioche“, sagt Giuseppe. Ich schaue ihn fragend an. Er reicht mir ein vakuumverpacktes Brioche. „Das schneidet man dann auf und macht Eis rein. Willst du das gleich mal ausprobieren?“ Ich freue mich wie ein kleines Kind. Ähnlich wie bei einem Döner schneidet er erst das Brioche auf und befüllt es dann mit Joghurt- und Waldmeister-Eis. Genussvoll mampfe ich es vor seinen Augen. „Glaubst du, dass sich so was verkauft?“, will er von mir wissen. „Wieso nicht?“, überlege ich und beiße ab. „Viele meiner Freunde mögen keine Waffel. Ganz ohne ist das Eis dann aber doch etwas fad.“ „Bis bald!“, rufe ich bei der Verabschiedung. „Arrivederci heißt das auf Italienisch!“, lacht Giuseppe und ich hüpfe hinaus auf den Gehweg.

(Fotos: Karen Lemme/ Text: Helena Mohr)

Eis-Brioche

ImageUiuiui, heute überschlagen sich die Ereignisse. Ich komme gerade vom Interview mit Giuseppe, dem Inhaber von Amico. Habt ihr schon mal Eis-Brioche probiert? Das ist wie Döner. Nur mit Brioche anstatt Fladenbrot. Und mit Eis anstatt Fleisch und Gemüse. Was es damit auf sich hat, erfahrt ihr bald. Und als Beweis habe ich mit meiner uralten Handy-Kamera (Danke Karen, dass es dich gibt!) ein Foto gemacht…

Äh, das Grüne ist KEIN Salat, das ist Waldmeister-Eis! Lecker, lecker!

(Foto+Text: Helena Mohr)

Dolce Vita in der Georg-Schwarz-Straße

Georg-Schwarz-StraßeEs ist ein sonniger Tag im März. Ich mache mich auf in Richtung Georg-Schwarz-Straße, um einen neuen Blog-Interview-Partner zu finden. Auf dem Straßenschild an der Merseburger Straße hat jemand das rote Kreuz ( für das Diakonissenkrankenhaus) durchgestrichen. In roter Farbe steht jetzt da: No Nazis. Gedankenverloren starre ich auf die krakelige Schrift. Ich werde unsanft aus den Gedanken gerissen, als ein Auto nur wenige Meter vor meinen Füßen rasant abbiegt. Der kleine Schuljunge neben mir und ich schauen uns entsetzt an. Er rückt seine Brille zurecht und sagt empört: „Wir haben Grün und der ist trotzdem gefahren!“ Ich nicke und gehe schnell weiter. Durch die Georg-Schwarz-Straße pfeift ein eisiger Wind. Ich versuche, solange wie möglich auf der Sonnenseite weiterzugehen. Vor mir läuft ein alter Bekannter. Er bleibt kurz stehen, um sein Bier aufzumachen, dreht sich um und lässt mich vorbei. Vor der Party-Post sind zwei Hunde angebunden und bellen um die Wette. Es ist kurz nach halb zwei als ich die Post betrete. An der Kasse neben mir kauft sich jemand einen Jim Beam-Cola aus der Dose.

Als ich bei Amico, dem italienischen Bistro direkt neben der Haltestelle Wielandstraße ankomme, bin ich völlig zerzaust. Ich ordne mein vom Winde verwehtes Haar, atme dreimal tief durch und will voller Elan hinein gehen. Lächelnd drücke, man könnte auch sagen, springe ich an die Tür. Es tut sich nix. Mit fragendem Gesicht schaue ich auf die Öffnungszeiten an der Eingangstür. Dienstag: Ruhetag. Stimmt, da war ja was. Mir entfährt ein lautes „Oh nein!“. Ich glaube, keiner hat meine An-die-Tür-spring-Aktion gesehen. Während ich auf die nächste Tram warte, fällt mir das große Stück Plastik-Pizza auf, das links neben der Tür hängt. Inspiriert fürs Mittagessen verlasse ich die Georg-Schwarz-Straße. Aber nur, um am nächsten Tag wiederzukommen.

Auch am nächsten Tag pfeift ein kalter Wind durch die Georg-Schwarz-Straße. Gegenüber vom kunZ von kaufungen hält ein weißer Transporter. Ein Mann mit einer braunen Plüschwildschwein-Mütze lädt ein Paket aus. Die Plüschwildschein-Beine hängen an der Seite als Ohrwärmer herunter. Gerade beneide ich ihn ein bisschen um sein Schwein. Flotten Schrittes steuere ich auf die Amico-Plastik-Pizza zu. Auf der gegenüberliegenden Seite streiten sich zwei etwas abgerissen aussehende Herren. Sie tragen zu dünne Klamotten, dafür aber eine Discounter-Plastiktüte. „Was, du hast schon wieder kein Feuerzeug? Wie kann das sein?!“, schimpft der eine im breiten Sächsisch. Der andere trottet kleinlaut hinterher.

Vor Amico vergewissere ich mich, dass tatsächlich geöffnet ist. Das Licht brennt. Ich lehne mich zaghaft gegen die Tür. Im Bistro ist niemand. Wenige Augenblicke später kommt Giuseppe, der Inhaber, die Treppe herunter. Ich erkläre ihm, was ich vorhabe. Er schaut etwas ungläubig. Ich lege ihm den Zettel, auf dem ich die Blog-Internet-Adresse mit rotem Filzstift aufgeschrieben habe, auf die Eisbar. Das Blatt Papier saust das Glas hinunter. „Nein, nicht ins Eis!“, rufe ich erschrocken. Er lacht und sagt: „Ja, morgen kannst du kommen.“ Ich verabschiede mich und träume an der Haltestelle bereits von Stracciatella-Eis, Cappuccino, Limoncello und Tiramisu.

GSS2Dieses „morgen“ ist übrigens schon heute und so mache ich mich bald auf den Weg in die Georg-Schwarz-Straße zu Giuseppe und seinem Bistro Amico. Freut euch mit mir auf das nächste Interview!

Ach ja, und wenn ihr mal etwas mehr über die Frau herausfinden wollt, die in der Georg-Schwarz-Straße auch mal gegen verschlossene Türen läuft, dann schaut doch mal in die April-Ausgabe der fantastischen Stadtteilzeitung 3Viertel…  

(Fotos: Karen Lemme/ Text: Helena Mohr)