Guten Mut(h)es

MS ChérieViele glauben, ich würde in der Georg-Schwarz-Straße wohnen. Liegt ja nahe – wo ich schon über sie schreibe. Tatsächlich bin ich in der Georg-Schwarz-Straße überall ein bisschen daheim und wer schon mal dort gewesen ist, der weiß, dass einem (meist) alle Türen offen stehen. Wenn man die (manchmal) unkonventionellen Öffnungszeiten beachtet… Ich wohne allerdings ein kleines Stück südlicher im Wilden Westen, in der GutsMuthsstraße. Sie verbindet die hippe Karl-Heine-Straße mit der unglaublich befahrenen Lützner Straße. In meinem ersten Monat hier in Leipzig flötete ich von der Rücksitzbank eines Taxis nach vorne zum entnervten Fahrer: „Bitte in die GutsMuthsstraße, Plagwitz!“ „Das ist Lindenau!“, korrigierte er mich bissig. Seitdem wohne ich, je nach Bedarf, mal in Plagwitz, mal in Lindenau.

Im Gegensatz zur Georg-Schwarz-Straße gibt es dort bisher nicht viel Erwähnenswertes. Da ist der Dönermann des Vertrauens vorne auf der Ecke, in direkter Nachbarschaft gibt es einen Sportverein für die Sportlichen, vorne an der Lützner Straße ist ein überlebensnotwendiger Discounter, vor dem zu jeder Tages- und Abendzeit ein illustres Grüppchen Bier und diverse Spirituosen in sich hinein kippt. Und ich habe das Gefühl, hier gibt es mehr Hundehaufen als irgendwo anders. Bereits vor dem Smartphone-Hype müssen die Leute, die hinter mir gegangen sind, gedacht haben, ich würde permanent SMS verschicken, weil ich grundsätzlich mit hängendem Kopf durch die GutsMuthsstraße ging, um in keinen der vielen Haufen zu treten. An irgendeinem Sommernachmittag steckten mal hier, mal da eine Plastikgabel in den vielen Kacke-Hügeln. Wenn ich Besuch bekomme, dann ermahne ich diesen immer, einen Blick unter ihre Schuhe zu werfen, bevor sie bei mir in der Wohnung über sämtliche Teppiche latschen. Nicht selten muss der Rasen unten im Hof als Kot-Abstreifer herhalten. Bis gestern Abend bin ich selbst übrigens in keinen einzigen Haufen getreten. Bis gestern Abend…

Hm, ja, „schön“ ist vielleicht nicht das richtige Wort für die GutsMuthsstraße. Als ich hier ankam, direkt aus dem schnieken Hamburg, um mir meine neue Bleibe anzuschauen, erlitt ich beinahe einen kleinen Kulturschock. So schön hatte ich es mir ausgemalt, in diesem Lindenau. Ein wenig hysterisch sagte ich zu meiner Mutter: „Hm, gar nicht mal so schön hier…“ und sie entgegnete spitz: „Nö, total hässlich!“ Sehnlichst wünschte ich mich in mein überteuertes Mini-Zimmer an der Alster zurück.

Heute, nach mehr als zwei Jahren, will ich hier gar nicht mehr weg. Und so langsam tut sich auch hier in der GutsMuthstraße etwas. Einige der leerstehenden Häuser wurden und werden noch saniert und als ich nach meiner langen Zeit im fernen Berlin wieder hier in meiner Hood ankam, traute ich meinen Augen kaum. Voll bepackt kam ich aus unserem Kiez-Discounter, mein Blick schweifte nach links und ich sah das Unfassbare. In der Hausnummer 7 hatte tatsächlich ein Café eröffnet. Hier? Bei uns? Mit offenem Mund blieb ich stehen, der Typ hinter mir rannte fast in mich hinein. Mit zwei Fingern versuchte ich, mein Telefon aus der Jackentasche zu angeln, um ein Beweisfoto zu machen. Schließlich hätte es morgen schon wieder weg sein können. Das mit dem Foto gelang mir nicht, aber ich war fest entschlossen, nachzufragen, wer so mutig ist, hier ein Café zu eröffnen.

Wenige Tage später stand ich dann, aufgeregt wie ein kleines Kind, im Café GutsMuth. Eine nette blonde Dame begrüßte mich. Vor Aufregung habe ich im Übrigen vergessen, meinen Namen zu sagen und ihren weiß ich auch nicht. „Ich bin für jeden Schabernack zu haben!“, grinste sie, als ich um ein Blog-Interview bat. Auf dem kleinen Stück Weg zwischen Ecke Endersstraße und Café zählte ich im Übrigen rund 15 Hundehaufen. Am nächsten Morgen sammelte ein Mann der Stadtreinigung mit einer Engelsgeduld all die Kacke-Hügel auf. Als ich am Mittag zurückkam, waren sie wieder da. „Das gehört wohl einfach zur GutsMuthsstraße, wie das große M“, dachte ich mir dann.

Wenn es ein „dreckiges Ende“ in der GutsMuthstraße gibt, dann ist es wohl dieser Abschnitt zwischen Endersstraße und Lützner Straße. Genau da, wo das Café eröffnet hat. Was sie sich wohl dabei gedacht hat, werde ich fragen. Genau heute werde ich der Sache auf den Grund gehen. Ich sage Euch, ich bin gespannt!

(Foto: Karen Lemme/ Text: Helena Mohr)

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3 Gedanken zu „Guten Mut(h)es

  1. ………………..schön, dass Du wieder schreibst. Wie immer wird die Neugier geweckt, die erwähnte Location zu besuchen und überhaupt wieder mal zu schauen, was sich im Leipziger „wilden Westen“ so tut. Hoffe Leipzig wird nicht zu schick und behält noch lange den Charme des Unperfekten, des Entwickelbaren. Auf bald Leipzig…………………….!!!

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