„Leben und leben lassen“

Guten Mut(h)esSpontan zu sein, das habe ich spätestens in der Georg-Schwarz-Straße gelernt. Es ist immer auch ein bisschen Lebensschule… Für mich, die doch gerne mal als Erste zum vereinbarten Zeitpunkt am vereinbarten Treffpunkt ist, war das eine schwierige Lektion. Aber es wird langsam. Und so stehe ich auch diesmal, einige Tage später als vereinbart, vor dem Café gutsmuth. Durch die Scheibe sehe ich Hilde, die Besitzerin, hinter ihrem dem Glas-Tresen stehen. Als sie mich herein kommen sieht, lächelt sie freundlich und streckt mir die Hand entgegen. Während ich „erst mal ankommen muss“, wie ich immer sage, wuselt Hilde weiter in ihrem kleinen Café herum und ihre gute Laune steckt mich sofort an.

Ich breite Block und Stift und das Wichtigste, den Diktator, auf dem kleinen Stehtisch neben dem Fenster aus. Tante Hildegard, wie ich sie hier auch nenne (dazu aber später mehr), ist ganz begeistert von meinem Diktator. Sie weist mich auf die Aufnahmefunktion bei Smartphones hin und zeigt auf ihres. „Das ist das allererste iPhone, das raus kam, das allererste. Na ja, ich nutze das Ding ja eigentlich gar nicht.“ Die Aufnahmefunktion hingegen findet Tante Hilde äußerst praktisch. „Vor allem, wenn Leute was versprechen!“, lacht sie. „Wieder was gelernt“, denke ich mir. Ich sage ja, dümmer kommt man nie von einem Interview zurück…

Waffel-FeeHilde möchte jetzt eine Runde Waffeln backen. „Die Waffeln sind heute experimentell“, sagt sie. Bisher war das Eisen nämlich zu heiß. Eine Anleitung zum Profi-Waffeleisen gab es nicht und niemand, den Tante Hilde gefragt hat, der kannte sich so richtig mit dem Teil aus. „Da drinnen ist ein Schräubchen, das müssen sie drehen, um die Temperatur zu verstellen.“ In welche Richtung, das wusste keiner. „Das müssen sie ausprobieren!“, war die Antwort. Leider missglückt das Waffel-Experiment an diesem Tag. Alle Waffeln sind zwar fein am Stil, so wie sie es sollen, alle aber ein wenig verbrannt. Das heißt, Hilde hat wohl das Stellschräubchen schlichtweg in die falsche Richtung gedreht. „Na ja, das bekommt dann der Hase“, sagt sie achselzuckend. Anstatt Waffeln am Stil gibt es für mich jetzt einen leckeren Obstspieß mit Schokosoße.

Während Hilde weiteren Teig in die Form laufen lässt, frage ich munter drauf los. „Sie kommen aber nicht aus Leipzig, oder?“ Sie schüttelt den Kopf. „Ich bin gebürtige Kölnerin, habe aber lange Zeit im Westerwald gelebt.“ Und zwar richtig im Wald, mit Schafen und ganz ohne Nachbarn.Nach 15 Jahren zog sie es mit ihrer Familie dann aber wieder in die Stadt. „Da habe ich bewusst Leipzig gewählt“, erzählt sie. In Leipzig gefällt es ihr gut. Sie ist „überzeugter Wahl-Ossi“, sagt sie später. „Schon Ballungsgebiet, aber man kann auch nochmal auf der Straße drehen.“ Aber Hilde gibt auch zu: „Am Anfang schaut man jedem bewusst in die Augen, aber da wird man ja bekloppt. Das muss man ganz langsam wieder lernen, dieses Abstumpfen.“

Schafe hat sie heute natürlich keine mehr. Mit ihr kamen nur ihre beiden Kinder, der Hund und die Katze vom Wald in die Stadt. Wobei es der Katze in der GutsMuthsstraße anscheinend nicht allzu gut gefallen hat. „Die hat sich schon gleich verzupft“, sagt Hilde achselzuckend. „So minimiert sich das dann!“

Auf der rechten Seite des Cafés geht es zwei Stufen hinauf. Das ist dann aber schon Wohnbereich. Wohingegen manche ja Arbeit und Privat strikt trennen wollen, empfindet Tante Hilde gerade diese Mischung als perfekt. So kann arbeiten und gleichzeitig für ihre Kinder da sein, wenn die beispielsweise von der Schule nach Hause kommen.

Tante HildeJust in diesem Moment schneit ihre kleine Tochter herein, eine Freundin im Schlepptau. Als sie mitbekommt, dass ihre Mama gerade interviewt wird, sagt sie: „Uhhh, Mama!“ Für ihre Kinder, die an das Landleben gewohnt sind, ist Leipzig schon eine Umstellung. So gönnte Hilde sich selbst und ihren Kindern öfter mal eine Auszeit, z.B. an der Ostsee. „Wir brauchen einfach manchmal frische Luft“, sagt sie. Wobei ihre Kinder so nach und nach auch zu Großstadtpflänzchen werden. „Auf dem Land, da konnten sie wurzeln aber jetzt brauchen sie Flügel und dafür muss man in die Stadt!“, sagt Hilde.

Während ich meinen Espresso schlürfe, frage ich: „Und, wie gefällt ihnen die Gegend hier so?“ Trocken antwortet Tante Hilde: „Ja, fette Bronx, aber das habe ich mir ja auch bewusst so ausgesucht.“ Ich muss lachen. „Und die Jungs und Mädels, die da immer ihr Bier schön trinken, die stören Sie nicht?“, will ich wissen. „Jeder muss eben sein Leben gestalten“, sagt sie ruhig. „Und wenn man das gerne auf der Straße machen will, mit einer Flasche Bier in der Hand… Solange mich da keiner einengt in meinen Bedürfnissen.“ Grinsend fügt sie noch hinzu: „Da sagt der Kölner, also der Rheinländer eben: leben und leben lassen!“ Das ist eine wirklich schöne Einstellung, wie ich finde.

Sollte es aber jemand wagen, in den Torbogen ihres Hauses zu pinkeln, hört für Hilde definitiv der Spaß auf. „Da werde ich zur Furie!“, sagt sie. „Oder die ganzen Hunde, die sie hier hin kacken lassen, das ist echt unglaublich!“ Wo wir wieder bei dem bereits geschilderten Haufen-Problem wären… „Ich mache die bei mir natürlich weg. Ich meine, ich will da ja jetzt nicht Waffeln mit Scheiße!“, sagt sie energisch. Sie hat sogar schon mal mit einem von der Stadt über dieses Problem gesprochen. „Wenn es hier mal so richtig los geht, dann lass ich da mal jemanden kommen, der das mit so ’nem Hochdruckreiniger sauber macht.“ Im Sommer möchte sie nämlich Frozen Joghurt verkaufen. „Und Joghurt und Obst und dann diese Hundescheiße, dass muss ja wohl nicht sein!“, ruft Hilde.

Hilde selbst würde sogar einen Mülleimer aufhängen und die Kack-Beutel sponsern. „Die Stadt müsste dann nur noch dafür sorgen, dass dieser Mülleimer ausgeleert wird“, erklärt sie. Mülleimer sind in der GutsMuthsstraße wirklich Mangelware. „Die Stadt will die Leute damit erziehen!“, erklärt sie. „Aber, ich bin selbst Hundehalter, so ’ne Tüte vergisst man halt mal schnell.“ Sie selbst hat immer ein Tütchen an die Leine gebunden. „Aber, da latscht man quer durch Leipzig und irgendwann, ja, da wird dann auch das Scheiße-Beutelchen mal ein bisschen schwer!“ Als kleine Gedankenstütze für alle Hundebesitzer und solange ihre Mülleimer-Idee noch nicht verwirklicht ist, hat sie immer ein paar Plastikbeutelchen draußen an das Gestänge ihres Sonnenschutzes geknotet. Der eine oder andere Hundebesitzer mit Kackbeutelchen-Demenz scheint auch schon von den Tütchen Gebrauch gemacht zu haben…

Süßes, soweit das Auge reicht„Kommen denn viele Leute in Ihren Laden?“, will ich wissen. „Ach“, sagt sie, „ich bin jetzt zwei Wochen hier und meine besten Kunden, das sind tatsächlich die Kinder.“ Die fliegen vor allem auf den Süßkram, den man sich für wenige Cents, ganz klassisch, aus einem großen Glas mit Schraubverschluss, in eine bunte Papiertüte abfüllen lassen kann. Wenn es nach den Kleinen ging, hätte Hildes Café am besten schon in der großen Pause oder, noch besser, bereits vor der Schule geöffnet. Manchmal bringt Tante Hilde auch mit frischem Popcorn die Kinderaugen zum Leuchten. Frozen Joghurt mit verschiedenen Toppings soll dann aber das Hauptprodukt werden. Die Maschine dafür thront schon in der linken Ladenecke. Hilde hat sogar ein richtiges Eisfahrrad mit Kühlbox und buntem Schirm, mit dem sie dann an schönen Tagen an verschiedene Plätze fahren will. Zum Beispiel an den Karl-Heine-Kanal und diverse Spielplätze in der Umgebung.

Ich frage sie nach dem schönen, mintgrünen Schild, auf dem in weißer Schrift „gutsmuth“ geschrieben steht und das draußen neben der Tür hängt. „Haben Sie das selbst gemacht?“, will ich wissen. Sie lacht und deutet auf die Innenseite, die zum Laden zeigt. „Das da, das ist die innere Seite und weil da kein Regen ist, hält die. Das andere ist die Wetterseite und da muss ich jetzt nochmal mit Acrylfarbe ran.“ Die Wetterseite ist nun fliederfarben, ebenfalls mit weißer Schrift. Wieso auch nicht? Alles hat ja schließlich zwei Seiten…

Während unseres Gespräches bin ich mir manchmal nicht sicher, wer eigentlich wen interviewt. Hilde ist sehr geschickt und ehe ich mich versehe, weiß Hilde, was ich studiere, wie alt ich bin, wo ich herkomme und was mich antreibt, zu bloggen. Das gesamte Gespräch über bleiben wir beim „Sie“, es fühlt sich aber keineswegs fremd an, so dass ich mich ab und zu wieder darauf besinnen muss, dass ICH ja diejenige bin, die die Fragen stellen sollte. Es ist fast ein bisschen, wie in all diesen Filmen, in denen die frustrierten, verzweifelten oder auch überglücklichen Kneipengäste dem Wirt oder der Wirtin hinter’m Tresen ihre Lebensgeschichte erzählen. Und das, obwohl sie ihn oder sie doch gar nicht kennen…

Da geht mir ein Licht aufTante Hilde hat außerdem noch eine Mission. „Meine Mission ist, Menschen mit klassischer Musik zu beschallen“, erzählt sie mir. So müssen sich ihre kleinen und großen Stammkunden allerlei klassisches Musikwerk anhören. „Ich glaube, da gibt es dann eine Veränderung im Hirn“, meint sie. „Langfristig.“ Da kommt dann mal eine Woche Beethoven, eine Woche Mozart. Jetzt ist gerade Händel dran. „Ich will das ja auch an mir selbst testen“, grinst sie. Oben an der Scheibe klebt bunte Folie, die mich ein wenig an ein Kirchenfenster erinnert. „Na ja, ich hab ja sonst auch Kirchenmusik hier“, scherzt Tante Hilde.

Im Moment wohnt die Familie quasi neben dem Café. In der Merseburger Straße hat sie dann aber nochmal ein Büro, auch als Rückzugsort. „Wenn das Café dann sukzessive vergrößert wird, das könnte ich mir vorstellen, dann ziehen wir eben ein Stückchen weiter. Nicht mehr mitten rein in die Hundescheiße“, lacht sie. Das Café würde dann natürlich, getreu dem Namen, an seinem alten Platz bleiben.

Leipzig kennt Hilde eigentlich nur aus Ost-Zeiten. Damals war sie schon in der Moritzbastei mit Freunden „schwofen“ und für einen Bekannten, der hier lebte und großer BAP-Fan war, gab es die ein oder andere Platte, fein verpackt im sogenannten „West-Paket“. Und dann, viele Jahre später, hatte sie die Chance, nach Leipzig zurück zu kehren. Für ihr Café gab es von der Stadt Leipzig sogar Fördergeld aus dem Topf für den Leipziger Westen. Das war bitter nötig, denn der Laden und auch die Wohnung mussten eigentlich kern-saniert werden. Beinahe hätte ihr da die etwas unkonventionelle Schreibweise der GutsMuthsstraße einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Ich kam mit meinen Kindern hier an und wollte ihnen ein tip-top Nest bieten. Aber was fehlte? Die Toilette!“, erzählt Hilde. Ja, und der Mann, der die Toilette liefern sollte, wurde von seinem Navi fehl geleitet, weil dieses nach einer GuthsMuthsstraße suchte. Was so ein einziger Buchstabe doch ausmachen kann…

Im SchlemmerlandHilde will mal einen Blick auf den Georg-Schwarz-Straßen-Blog werfen. Sie selbst wurde sogar gefragt, wieso sie denn nicht in der Georg-Schwarz-Straße etwas aufmachen würde. „Da sind doch ganz viele Künstler“, sagte man ihr. „Aber ich will doch kein Künstler sein, ich will nur anständigen Kaffee verkaufen, mehr will ich doch gar nicht“, antwortet sie dann. Dass sie selbst eine der ersten ist, die in der GutsMuthsstraße zu einer Veränderung führen könnten, sieht Hilde durchaus kritisch. Sie will gar nicht, dass alles durchsaniert ist. Die Gegensätze sind für sie nämlich das, was das Besondere hier ausmacht. „Aber alles hat eben seinen Preis“, sagt sie nachdenklich.

Gleich zurückWährend wir da sitzen und reden, gehen allerhand Leute vorbei. Jung, alt, hip, nicht so hip. Aber allesamt schauen zu uns herein, ab und zu nickt Hilde und sagt laut: „Tag!“ „Gerade ist das mit dem Café hier aber auch noch totaler Idealismus“, gesteht sie. Hilde probiert sich gerade einfach noch aus. Waffeln, Popcorn, später mal Frozen Joghurt. Und abzocken will sie auch niemanden, so hat sie sehr moderate Preise. Wäre sie in Schleußig, könnte sie wahrscheinlich durchaus mehr verlangen. Im Sommer müssen die Geschäfte dann aber schon besser laufen. Manchmal kommen sogar Leute aus angrenzenden, schon durchgestylten Stadtteilen ins Café gutsmuth, weil ihnen dort eben schon alles „zu hip“ ist. Feste Öffnungszeiten gibt es noch nicht. „Nur Mittwoch, für mich der 7. Tag, da ruhe ich!“, lacht Tante Hilde.

König KnochenkopfHilde hat eine Ausbildung im Hotel gemacht, dann hat sie Hotelbetriebswirtschaft mit Schwerpunkt Personalwesen studiert. Irgendwann kam dann sogar noch eine Massageausbildung. Aus dieser Zeit stammt auch das Skelett, des links neben dem Aufgang zu ihrer Wohnung steht. Dieser Knochen-Mann mit der Krone bewacht sozusagen den privaten Bereich. An seiner rechten Schulter hängt ein buntes Süßigkeitentütchen auf dem „PRIVAT“ steht. Knochen-Kalle musste während dem Schlenker in den medizinischen Bereich also zum Üben herhalten.

Was darf's denn sein„Sie haben ja schon echt viele verschiedene Sachen gemacht“, stelle ich fest. Hilde nickt. „Haben Sie keine Angst vor der Zukunft?“, frage ich weiter. Sie lächelt und schüttelt den Kopf. Das finde ich sehr beeindruckend. Kurz sind wir beide still, ich blicke nachdenklich nach draußen. Einen Plan B hat sie nicht, aber noch viele weitere Pläne, erzählt sie dann weiter. Gerade will sie aber einfach auch noch für ihre Kinder da sein und das ist mit dem Café direkt neben der Wohnung gut machbar.

Als ich sie nach drei Wörtern – diesmal für die GutsMuthsstraße – frage, sehen wir einen Mann aus dem gegenüberliegenden Haus gehen, den wir beide kennen. Der lustigere ältere Herr war vor Kurzem bei ihr, um Kaffee zu trinken. „Na ja, wenn ich mich selbst sehen könnte“, stellte er schmunzelnd fest, „da drüben über die Straße ist meine Küche und hier trinke ich Kaffee!“ Manche ziehen also Hildes Café ihrer eigenen Küche vor!

Frische WaffelnHilde findet, dass man beim Kaffee die Birne frei kriegen kann. Und sie interessiert sich für die Geschichten, die die Leute ihr erzählen. „Mit ’nem Eis oder ’nem Kaffee, der gut schmeckt, ist das Gesagte eben gleich viel besser verdaut“, sagt sie. „Ich kenne eigentlich keinen Menschen, der schlechte Laune hat, wenn er an einem Eis schleckt.“ Man muss sich dabei eben öffnen, den Mund im wörtlichen Sinne und dadurch sich selbst, im übertragenen. „Und dann noch die Musik dazu, das bewirkt etwas!“, lacht sie.

„Drei Worte fallen mir aber eigentlich nicht ein, mir fallen 8000 ein. Ich kann mich einfach schlecht reduzieren“, beantwortet Tante Hilde meine obligatorische 3-Worte-Frage abschließend.

Zum Schluss erkundige ich mich, wie ich sie im Blog nennen soll. „Tante Hildegard“, sagt sie und zupft an ihrer Kittelschürze. „Wenn ich mich als Marke etablieren wollte, dann müsste ich schon das Fräulein Hildegard sein“, lacht sie. An sich ist es ihr aber egal, wie ich sie nenne. „Morgen kommen wir dann zum Bilder machen“, sage ich, als ich meinen Diktator einpacke. „Okay“, sagt Tante Hilde, „dann mache ich mir morgen Zöpfe!“ Das Fräulein Hilde trägt demnach wohl geflochtene Zöpfe und eine Kittelschürze.

Essen macht glücklichAls Karen und ich am nächsten Tag ankommen, steht eine Traube Kinder vor’m Café gutsmuth. Tante Hilde ist heute zwar ohne Zöpfe, dafür aber wieder ansteckend gut gelaunt und in Plauderstimmung. Aus einer kurzen Foto-Session wird beinahe eine ganze Stunde mit Reden, viel Lachen und vor allem äußerst leckerem Essen. Für uns gibt es gesunde Frucht-Spieße, Stulle und einen wundervoll angerichteten Teller mit Waffeln, Pflaumenkompott und Puderzucker. Als schon längst alle Fotos im Kasten sind, sitzen wir immer noch da, bewundern die Popcorn-Maschine und den Waffel-Maker, quatschen über die Uni und andere Dinge. So, als würden wir an unseren Stühlen fest kleben. Es ist nicht so, als dass wir an diesem Tag nichts mehr zu tun hätten, aber irgendwie wollen wir noch nicht gehen. Als wir dann doch irgendwann aus dem Café gutsmuth auf die graue GutsMuthsstraße treten, sind wir satt, gut gelaunt und vor allem glücklich…

(Fotos: Karen Lemme, Text: Helena Mohr)

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Guten Mut(h)es

MS ChérieViele glauben, ich würde in der Georg-Schwarz-Straße wohnen. Liegt ja nahe – wo ich schon über sie schreibe. Tatsächlich bin ich in der Georg-Schwarz-Straße überall ein bisschen daheim und wer schon mal dort gewesen ist, der weiß, dass einem (meist) alle Türen offen stehen. Wenn man die (manchmal) unkonventionellen Öffnungszeiten beachtet… Ich wohne allerdings ein kleines Stück südlicher im Wilden Westen, in der GutsMuthsstraße. Sie verbindet die hippe Karl-Heine-Straße mit der unglaublich befahrenen Lützner Straße. In meinem ersten Monat hier in Leipzig flötete ich von der Rücksitzbank eines Taxis nach vorne zum entnervten Fahrer: „Bitte in die GutsMuthsstraße, Plagwitz!“ „Das ist Lindenau!“, korrigierte er mich bissig. Seitdem wohne ich, je nach Bedarf, mal in Plagwitz, mal in Lindenau.

Im Gegensatz zur Georg-Schwarz-Straße gibt es dort bisher nicht viel Erwähnenswertes. Da ist der Dönermann des Vertrauens vorne auf der Ecke, in direkter Nachbarschaft gibt es einen Sportverein für die Sportlichen, vorne an der Lützner Straße ist ein überlebensnotwendiger Discounter, vor dem zu jeder Tages- und Abendzeit ein illustres Grüppchen Bier und diverse Spirituosen in sich hinein kippt. Und ich habe das Gefühl, hier gibt es mehr Hundehaufen als irgendwo anders. Bereits vor dem Smartphone-Hype müssen die Leute, die hinter mir gegangen sind, gedacht haben, ich würde permanent SMS verschicken, weil ich grundsätzlich mit hängendem Kopf durch die GutsMuthsstraße ging, um in keinen der vielen Haufen zu treten. An irgendeinem Sommernachmittag steckten mal hier, mal da eine Plastikgabel in den vielen Kacke-Hügeln. Wenn ich Besuch bekomme, dann ermahne ich diesen immer, einen Blick unter ihre Schuhe zu werfen, bevor sie bei mir in der Wohnung über sämtliche Teppiche latschen. Nicht selten muss der Rasen unten im Hof als Kot-Abstreifer herhalten. Bis gestern Abend bin ich selbst übrigens in keinen einzigen Haufen getreten. Bis gestern Abend…

Hm, ja, „schön“ ist vielleicht nicht das richtige Wort für die GutsMuthsstraße. Als ich hier ankam, direkt aus dem schnieken Hamburg, um mir meine neue Bleibe anzuschauen, erlitt ich beinahe einen kleinen Kulturschock. So schön hatte ich es mir ausgemalt, in diesem Lindenau. Ein wenig hysterisch sagte ich zu meiner Mutter: „Hm, gar nicht mal so schön hier…“ und sie entgegnete spitz: „Nö, total hässlich!“ Sehnlichst wünschte ich mich in mein überteuertes Mini-Zimmer an der Alster zurück.

Heute, nach mehr als zwei Jahren, will ich hier gar nicht mehr weg. Und so langsam tut sich auch hier in der GutsMuthstraße etwas. Einige der leerstehenden Häuser wurden und werden noch saniert und als ich nach meiner langen Zeit im fernen Berlin wieder hier in meiner Hood ankam, traute ich meinen Augen kaum. Voll bepackt kam ich aus unserem Kiez-Discounter, mein Blick schweifte nach links und ich sah das Unfassbare. In der Hausnummer 7 hatte tatsächlich ein Café eröffnet. Hier? Bei uns? Mit offenem Mund blieb ich stehen, der Typ hinter mir rannte fast in mich hinein. Mit zwei Fingern versuchte ich, mein Telefon aus der Jackentasche zu angeln, um ein Beweisfoto zu machen. Schließlich hätte es morgen schon wieder weg sein können. Das mit dem Foto gelang mir nicht, aber ich war fest entschlossen, nachzufragen, wer so mutig ist, hier ein Café zu eröffnen.

Wenige Tage später stand ich dann, aufgeregt wie ein kleines Kind, im Café GutsMuth. Eine nette blonde Dame begrüßte mich. Vor Aufregung habe ich im Übrigen vergessen, meinen Namen zu sagen und ihren weiß ich auch nicht. „Ich bin für jeden Schabernack zu haben!“, grinste sie, als ich um ein Blog-Interview bat. Auf dem kleinen Stück Weg zwischen Ecke Endersstraße und Café zählte ich im Übrigen rund 15 Hundehaufen. Am nächsten Morgen sammelte ein Mann der Stadtreinigung mit einer Engelsgeduld all die Kacke-Hügel auf. Als ich am Mittag zurückkam, waren sie wieder da. „Das gehört wohl einfach zur GutsMuthsstraße, wie das große M“, dachte ich mir dann.

Wenn es ein „dreckiges Ende“ in der GutsMuthstraße gibt, dann ist es wohl dieser Abschnitt zwischen Endersstraße und Lützner Straße. Genau da, wo das Café eröffnet hat. Was sie sich wohl dabei gedacht hat, werde ich fragen. Genau heute werde ich der Sache auf den Grund gehen. Ich sage Euch, ich bin gespannt!

(Foto: Karen Lemme/ Text: Helena Mohr)

Erwacht aus dem Dornröschenschlaf

Spieglein, SpiegleinGedankenversunken springe ich die oberste Stufe der Tram 7 hinunter. Am Lindenauer Markt stoße ich beinahe mit Giuseppe, dem Betreiber des Bistros Amico, zusammen. Ehe auch nur ein Laut aus meinem Mund kommt, ist er in Richtung Rietschelstraße verschwunden. Grinsend schlendere ich über den Lindenauer Markt, da bimmelt mein Handy. Es ist Jason, den ich im Januar in seiner Galerie in der Georg-Schwarz-Straße 84 besucht habe. Er verkündet mir, dass er umgezogen ist. Merseburger Straße. Vor Weihnachten soll ich mich da schon nochmal blicken lassen. „Mach dein Ding!“, ermutigt er mich außerdem.

 

Ja, ich sehe schon, kaum zurück aus dem alten Berlin zurück im „neuen Berlin“, „Hypezig“ (welch garstigen Worte) oder für mich einfach nur „mein Leipzig“, streckt die Georg-Schwarz-Straße schon wieder ihre Fühler nach mir aus. Und wie ich sehe, hat sich in meiner Abwesenheit einiges getan… Es wird also Zeit, meiner Lieblingsstraße wieder mal einen Besuch abzustatten! Geht wieder mit mir auf Entdeckungsreise im wilden Leipziger Westen!

(Text: Helena Mohr/ Foto: Karen Lemme)