„Entschuldigung, Sie haben da was verloren…“

Das Tor zur Georg-Schwarz-StraßeEs ist Mittwoch, die Sonne strahlt vom Himmel. Ich bin auf dem Weg in die Georg-Schwarz-Straße. Auf Höhe der Flora-Apotheke höre ich plötzlich hinter mir Geschrei. Ein Rudel wild gewordener Schulkinder stürmt bei Rot über die stark befahrene Merseburger Straße. „Halt die Türe auf, Max (wir nennen ihn einfach mal Max)!“ Max, der anscheinend der schnellste ist, stürmt in Richtung Bahn, dicht gefolgt von seinen Freunden. „Max, halt sie auf, halt sie auf!“ Doch Max kommt zu spät und die Tram fährt ihm vor der Nase davon. Diese Situation kommt mir doch irgendwie bekannt vor…Etwas enttäuscht trotten die Jungs vor mir her.
Ich schaue mich in der Georg-Schwarz-Straße um. Vor der Schwarzwurzel sitzen ein paar Männer und genießen die Sonne. Ein Fenster der „Guten Quelle“ auf der gegenüberliegenden Seite ist geöffnet. Ein junger Mann schaut heraus und telefoniert. „Aha, hier tut sich also auch was!“, nehme ich zur Kenntnis.
Gedankenverloren gehe ich weiter. Max und einer seiner Freunde bleiben an einem Auto stehen, schauen zu mir, kichern, schauen wieder zu mir. Ich rolle genervt mit den Augen, was man unter meiner Sonnenbrille allerdings nicht sehen kann. Ich gehe an ihnen vorbei. „Entschuldigung, Sie haben da was verloren!“, ruft Max. „Oh, netter Junge“, denke ich und drehe mich um. „Ihre Geschwindigkeit!“, kreischt er und kichert. „Klar“, denke ich, „wem ist eben die Straßenbahn davon gefahren?“
Die gute Quelle„Ihre Schönheit!“, sagt der andere. „So, jetzt wird’s gemein“, grummle ich und hole Luft. „Du hast was verloren: dein Benehmen, dein Gehirn!“, will ich rufen. Aber ich reiße mich zusammen. „Vielleicht haben die beiden einen Sonnenstich und reden deswegen wirres Zeug“, versuche ich mich zu beruhigen. Ich atme ins Power-House, nehme einen großen Schluck von meinem Milch-Shake und gehe einfach weiter.
Auf dem Rückweg komme ich wieder an der Schwarzwurzel vorbei. Die Männer sitzen immer noch draußen. Weiter vorne an der Haltestelle liegt ein grün-blau geringelter Pullover. Ich überlege, ob der Pullover vielleicht Max gehört und ertappe mich dabei, mir zu wünschen, dass es so ist. Und dass er zu Hause vielleicht ein bisschen Ärger für den verlorenen Pulli bekommt. Ob er wohl schon weiß, was Karma ist?

(Fotos: Karen Lemme/ Text: Helena Mohr)

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Ein Gedanke zu „„Entschuldigung, Sie haben da was verloren…“

  1. Diese Jungs wissen sicher noch nicht, was Karma ist, werden es aber bald schmerzlichst erfahren ;-)! Wunderbar geschrieben, ich musste trotz der Unverschämtheit herzhaft lachen :-D! Vielen Dank!

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