„Zur passendsten Zeit am besten Ort“

Vorwort: Wir, das sind Karen und ich, kämpfen gerade mit Klausuren- und Referatsmonstern. Im Kampf gegen das Photoshop-Monster mussten wir jedoch einen herben Rückschlag hinnehmen. Ihr, liebe Freunde der guten Unterhaltungsmusik, ihr wisst, dass das Leben weder ein Ponyhof, noch ein Wunschkonzert ist. Von daher nun erstmal „nur“ die harten Fakten und mit unseren Archivfotos. Ganz bald dann aber auch wunderschön bebildert. Hier unser neuer Eintrag (noch) im Februar! Erfahrt die ausführliche Geschichte über Jason Michael Thomas…

Nachwort zum Vorwort: Liebe Freunde der Georg-Schwarz-Straße, ein paar Bilder wurden vom Photoshop-Monster übel zugerichtet. Doch die tapfere Karen konnte manche von ihnen aus den Monsterklauen befreien. Et voilà!!!

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Georg SchwarzEs ist Donnerstagvormittag. Um elf Uhr bin ich mit Jason in seiner Galerie verabredet. Es weht ein eisiger Wind durch die Georg-Schwarz-Straße. Als ich an der Hausnummer 84 ankomme, öffnet sich  das Hoftor und ein Mädchen mit ihrem Hund kommt heraus. Sie geht an der Glasfront vorbei und winkt. Jason sitzt auf seinem Sofa mit buntem Häkelüberwurf. Er springt auf, als er mich sieht. Zwei Kumpels von früher sind gerade zu Besuch. Er lässt mich rein. „Helena, meine Liebe!“, begrüßt er mich. Die Jungs lächeln freundlich und gehen.

Jason schiebt den Vorhang zur Seite und zeigt mir stolz seinen Kamin im hinteren Teil der Galerie. Hier wohnt er auch. „Der bollert wie Sau!“, schwärmt er. Vorher waren es hier an manchen Tagen nur 10 Grad. Der Ofen hält allerdings nicht nur warm, sondern bringt ihm auch Ruhe und Inspiration. „Das ist mein Leben hier“, sagt er, als wir wieder nach vorne gehen. Er will sich bald noch einen zweiten Kamin holen.

Schau doch mal...Ich habe was zum Frühstück mitgebracht. „Willste ’nen Kaffee?“, fragt er. Wir machen es uns auf seiner Couch gemütlich und er beginnt zu erzählen. Im Hintergrund läuft Musik. Seit Juli ist er jetzt hier in der Georg-Schwarz-Straße. Vorher war er sieben Jahre im Drehmaschinenwerk. „Ich wusste halt nicht, wo ich hin gehe mit dem Atelier, weil die uns da alle rausgeschmissen hatten. Da waren viele, viele Künstler drin. Innerhalb von drei Monaten alle raus!“ Auf dem letzten Georg-Schwarz-Straßen-Fest hat er dann den Stand von Haushalten e.V. entdeckt. Jason hatte vorher bereits selbst beim Eigentümer der 84 nachgefragt. Dieser war jedoch skeptisch und lehnte erst einmal ab. Durch die Vermittlung von Haushalten und Jasons Konzept für die Galerie konnte der Eigentümer schlussendlich doch überzeugt werden. „Was war denn hier vorher drin?“, will ich wissen. „Ach, An- und Verkauf, ’ne Fensterbaufirma. So was ganz Normales.“

GehwegphilosophieAls er den Spruch auf dem Gehweg entdeckte, war ihm klar, dass er hier richtig ist. „Persönlichkeiten werden nicht durch schöne Reden geformt, sondern durch Arbeit und eigene Leistung. E = mc² (AE).“ „Da dachte ich mir: Hier bist du Zuhause! Das ist dein Zeichen! Man muss was tun und nicht nur reden. Reden, das machen viele, viele, viele. Reden, das ist ganz einfach!“ Für ihn ist es in der Kunst jedoch wie im Fußball. „Ich will schön spielen, dann aber auch zum Torabschluss kommen!“ Jason hat unter anderem im Gondwanaland mitgearbeitet und für den Chef von Daniela Katzenberger 2004 Lampen gebaut. „Ich habe tolle Leipziger Künstler kennengelernt. Günter Richter, Axel Krause, alles Leipziger Schule. Alte und Neue. Drei Generationen, die sich sehr gut verstehen!“

Der Blick für's BesondereEigentlich hat Jason ja einen „ganz normalen“ Beruf gelernt. Bei den Stadtwerken absolvierte er eine Ausbildung zum Energieelektroniker. Später arbeitete er dort als Sachbearbeiter im kaufmännischen Bereich. „Dann hab ich aber irgendwann gesagt, nee, ich will noch mehr wissen, was in mir steckt. Und da hab ich dann gesagt: Jetzt fang ich wieder bei null an!“ Dass er seinen sicheren Bürojob mit guten Aufstiegschancen an den Nagel hängen will, konnten viele nicht verstehen. Diese Zeit, in der die Sticheleien und das Unverständnis von allen Seiten über ihn hereinbrachen, war nicht einfach. Er dachte, im Nachhinein würden sich einige Leute vielleicht bei ihm entschuldigen. Das passierte aber nur sehr selten „Und selbst da baut sich bei manchen Menschen ein Neid auf, der unglaublich ist und wo du nur sagst: Geht nach Hause!“

„Und deine Familie unterstützt dich, in dem was du machst?“, frage ich. Er grinst: „ Na ja, wenn du zu deiner Mutter hingehst und sagst: Hier meine Gute, ich möchte den Stadtwerksjob nicht mehr machen… Aber jetzt ist sie schon stolz auf mich.“ Die Familie ist ihm besonders wichtig. „Sonntags sitzen wir am Tisch zusammen. Da sitzt die Mama, der Papa, die Schwester, der Neffe. Und wenn ich sehe, dass es da irgendein Problem gibt, dann rede ich.“

IMG_24131Zwischendurch springt Jason auf und holt den Kaffee. „Ich hab mal ‘nen Kuchenlöffel geholt“, sagt er und rührt mit dem riesen Löffel in der kleinen Tasse. „Aber die wollen da vorne 4 Euro 20 haben“, sagt er. Ich war abgelenkt von dem Kuchenlöffel. „Für was nochmal?“, frage ich. „4 Euro 20 pro Quadratmeter in dem Künstlerhaus, das da vorne eröffnet. Und ich habe hier 1 Euro. Also, wenn du dich selbst kümmerst, dann hast du hier bessere Möglichkeiten.“ Jason ist Leipziger, kommt aber eigentlich aus dem Norden. Nachdem im Drehmaschinenwerk Schluss war, wollte er direkt in die Georg-Schwarz-Straße.  „Hier nochmal aufzuschlagen und das nochmal zu entdecken, sich als Teil des Ganzen zu fühlen, das ist schön. Hier kann ich mein Ding machen, hier hab ich meine Möglichkeiten. Ich bin kein Berliner, der nach Leipzig kommen muss oder kein Hamburger, der nach Leipzig kommen muss.“ Gerade hat er ein Projekt in New York an Land gezogen. „Das ist ’ne Sache, die musst du machen, in die Welt raus gehen. Aber trotzdem hier in Leipzig einen Ruhepunkt haben!“

schön vernetztDie Künstler auf der Straße sind ganz gut vernetzt. Die Szene ist international und Jason überlegt deshalb auch, sein Englisch mal wieder etwas aufzubessern. „In der Georg-Schwarz-Straße 70 war ich auch schon mal zu einer Party. Und da kann man sich eben auch mal ein bisschen austauschen und es ist direkt nebenan.“ Dadurch, dass es schon einige Künstler auf der Straße gibt, ist die Akzeptanz seitens der Bevölkerung höher. „Ansonsten wärst du noch ein krasserer Außenseiter!“ Jason hofft deswegen, dass noch viele weitere Künstler in die Georg-Schwarz-Straße kommen. „Und aber keine Feierabend-Künstler, entschuldige, sondern Leute, die was Cooles machen!“ Ich muss lachen. „Was meinst du mit Feierabend-Künstler?“ „Na ja, die, die am Abend nach der Arbeit drei Bilder malen und glauben, dass sie dann den großen Durchbruch haben. Und die stehen dann vor mir und wollen mir noch meine Kunst erklären, der Hammer!“

Im Grund hat Jason gar nichts gegen Leute, die nach Feierabend Bilder malen. Im Gegenteil, er freut sich sogar, wenn er Leute dazu motivieren kann, etwas Kreatives zu machen. Ein Hobby, was viele heute gar nicht mehr haben. „Und eben nicht nur Fernseh kucken und sich berieseln lassen.“ Sein kleiner Neffe, zum Beispiel, hat bereits den Maler und Keyboard-Spieler in sich entdeckt.

MusikliebhaberJason hat noch eine weitere Leidenschaft: die Musik. „Und das mit dem Auflegen machst du noch nebenbei, oder wie?“, frage ich und zeige auf das Mischpult. „Ja, man muss eben kucken, wie man die Leute erreicht. Selbst mit Musik mache ich die Leute glücklich.“ Im Bereich Musik hat Jason sich entwickelt und seinen eigenen Stil gefunden. „Nicht das, was alle spielen. Du wirst dich da doch sicher ein bisschen auskennen, oder?“, fragt er mich. Ich bin verunsichert. Ich bin nicht gerade ein Musik-Experte. „Na ja, ich kann eben nur sagen, ob es mir gefällt oder nicht.“ Er zwinkert mich an. „Na ja, aber du weißt, was ’ne ordentliche Party ist, oder?“ Ich nicke, wir müssen lachen.

„Das Auflegen, das trägt mich zwei, drei Wochen lang. Das motiviert und prägt mich. Das sind die übelsten Gefühle, die da kommen. Und dafür bin ich dankbar.“ Auch die Leute im Haus finden Gefallen an ihrem privaten DJ. „Wenn du die Musik an hast, dann kommen die auch und traben!“ Da ist es von Vorteil, dass das Haus frei steht und rechts und links Grün ist. Er freut sich besonders auf den Sommer. Da kann er dann wieder die Türe auflassen und Musik machen. „Das wird hier mein Sommer!“

IMG_24211Als Künstler hat sich Jason nach und nach weiterentwickelt. „Ein stetiger Prozess, den du mit Beharrlichkeit und mit Geduld anzugehen hast. Aber da darf kein Geld dahinter stehen. Das muss alles aus tiefer Demut passieren.“ Die ersten Lampen hat er aus Schilf gebaut. „Und dann kuckt man eben, was gibt’s noch für Werkstoffe, was gibt’s noch für Formen? Ich nehme jetzt viel Esche.“ Seit zehn Jahren baut er nun Lampen. „Na ja, leuchtende Skulptur, Lampen dürfen sie nicht heißen. Das haben sie nicht verdient.“ „Du machst Skulpturen, du lötest, du malst. Gibt es irgendwas, was du nicht machst. Ein bestimmtes Material zum Beispiel, das dich nicht anspricht?“, frage ich. „Dadurch, dass ich ein Kind bin, und für mich alles aufregend ist, nimmt man Alles, wie es gerade kommt. Selbst, wenn es dreckig wäre. Und das Stück Kind-Sein muss man sich auch behalten. Aber trotzdem braucht man manchmal eine bestimmende Art, um in dieser wahnsinnigen Welt auch voranzukommen und Angriffe abwehren zu können.“

Das Licht bleibt die ganze Nacht brennen. Dadurch möchte Jason den Menschen auf der Georg-Schwarz-Straße etwas zurückgeben. Gerade jetzt in der kalten Jahreszeit merkt man, dass sich die Leute nach etwas Wärme sehnen. Ob kleines Kind oder die Frau mit dem Kopftuch, alle bleiben sie stehen und kucken. Jason freut sich, wenn sie dann aus ihrer gebückten Haltung raus kommen und „mit geradem Rückgrat“ weitergehen.

einfach mal ausbrechenViele Menschen kommen auch zu Jason, um ihm ihre Geschichte zu erzählen oder sich einen Rat zu holen. Und er hört den Menschen gerne zu. Ob Diakonissin oder Arbeitsloser, alle sitzen sie gerne bei ihm auf der Couch. Leutzscher Urgesteine. „Hier siehst du das reale Leben!“, weiß er. Nun sind es nicht immer nur schöne Geschichten, die ihm erzählt werden. Er versucht jedoch, auf jeden individuell einzugehen. „Du prägst hier alle mit deiner Anwesenheit. Eine andere Welt auch mal zu zeigen und die Leute mal aus dem ewigen Kreislauf rauszureißen! Und die Leute sehen eben, dass ich sonnabendabends auch mal bis um elf hier arbeite. Das kann auch drei Mal im Monat sein.“ So können die Menschen sehen, dass er hart arbeitet. Künstler, die um sich so einen Hype veranstalten und sich damit pudelwohl fühlen, die mag er nicht.

TunnelblickSeiner Meinung nach sollte der Mensch viel öfter versuchen, zur Ruhe zu kommen. Jason braucht das, um sich zu entwickeln. Wenn er in seinem Atelier ist und arbeitet, dann hat er einen Tunnelblick. „Ich kucke zwar ab und zu mal kurz hoch, du bist aber in deiner eigenen Welt.“ Die Dinge, die er interessant findet, die lernt er super-schnell. Und wenn ihn etwas nicht interessiert, dann lässt er es einfach außen vor. „Und man muss lernen, die Gefühle nicht wegzudrücken, sondern das als Energie zu sehen und in die Arbeit umzulenken.“

IMG_23541Er verstummt. „Hab ich dir schon mal die Kugelbahn da drüben gezeigt?“ Ich schüttele den Kopf. Wir stehen auf und er lässt eine Murmel in die obere Öffnung fallen. Ich kriege leuchtende Augen. „Damit kriegst du sie alle! Und es bringt auch eine gewisse Art von Ruhe.“

Wir gehen in seinem Atelier auf und ab. Die Räumlichkeiten nutzt er auch, wenn er Ausstellungen macht. Er möchte zum Georg-Schwarz-Straßen-Fest etwas veranstalten und zur Leipziger Buchmesse soll bei ihm eine Lesung stattfinden. „Ich muss nur mal kucken, dass ich mehr Werbung mache.“ Bisher hat er nur einen Facebook-Auftritt. Da stellt er Bilder oder auch Musik rein. Jason vermarktet sich selbst, um nicht von anderen zuerst hoch gelobt, dann ausgepresst und am Ende fallengelassen zu werden. „Aber, ich möchte keine Klinken putzen. Ich hoffe da auf mein Glück, dass ich zur passendsten Zeit am besten Ort bin. Der Blick ist auf die Georg-Schwarz-Straße gerichtet. National und sogar auch international.“

Bisher hat er auch noch keinen Internetanschluss und genießt es, nicht immer abgelenkt zu sein. „Aber meinst du, es wird da irgendwann so eine Gegenbewegung geben von Leuten, die sagen: Okay, ich habe jetzt nur ein Telefon und das kann nur telefonieren, ganz ohne Schnick-Schnack?“, frage ich. Er denkt nach. „Es gibt einige Leute, die da jetzt wieder zurückgehen und die alten Werte auch wieder sehen und die auch behalten. Und es entstehen dadurch neuen Lebensformen, die wirklich toll sind.“

KünstlerhändeIch frage ihn nach drei Worten für die Georg-Schwarz-Straße. Ich glaube, es waren ein paar mehr als drei Worte. Unterm Strich kann man seine Aussage aber unter diesen drei Begriffen zusammenfassen: Multikulti (viele Gesellschaftsschichten, trotzdem ist aber alles Eins) – der Auenwald mit dem Kosmos Lindenauer Mark (es gibt alles: Natur, aber auch Einkaufsmöglichkeiten)  – Künstlerlandschaft (nationale und auch internationale Künstler). Doch er weiß auch, dass die Gentrifizierung nicht nur Gutes mit sich bringt. Die Mieten werden dann nicht mehr günstig sein. Und auch gerade um zu sehen, wo die Reise hingeht, spricht er viel mit den Leuten auf der Georg-Schwarz-Straße. „Vorne rum wird alles schön, aber hinten rum geht auch wieder was kaputt und das tut weh“, fügt er nachdenklich hinzu. Den Leuten durch sein Schaffen etwas zurückzugeben, das ist sein Bedürfnis.

„Ich fühle mich hier sau-wohl. Die Straße war vorher räudig. Gut, jetzt ist sie zwar auch noch ein bisschen wild, du merkst aber, wie du einen Anteil daran hast, dass sich das Alles hier verändert.“ In den nächsten zwei Jahren wird das hier noch so richtig vorwärts gehen. „Es muss aber ein schönes Sammelbecken sein. Das hat Leipzig immer ausgemacht und das wird es auch immer ausmachen. Ob es die Musik ist, ob es die Kunst ist.“ Angst hat er hier überhaupt nicht. „Wenn ich ein paar Sachen beachte, dann hab ich hier eigentlich keine Probleme. Ich kenne die Straße und weiß, wie ich mich zu verhalten habe.“ Und im Notfall könnte er sich verteidigen. Er zeigt auf ein großes Stück Holz, das neben dem Sofa lehnt…

I hate NazisIch frage ihn nach dem Holztisch und den zwei Stühlen, die in dem gegenüberliegenden Garten stehen. „Vielleicht auch seine Idee?“, denke ich. „Das hat mein Nazi gemacht.“ Ich runzle die Stirn. „Mein Nazi hat mehr Stil als so mancher Künstler. Mein Nazi kriegt von mir nur Liebe!“ Sein Nazi hat eine Vorliebe für Fahnen im Fenster. „Ich bin hier rein und da hab ich gleich gekotzt. Ich war auf jeder Anti-Nazi-Demo!“ Jason setzt in diesem Fall aber auf Aufklärung statt auf Ausgrenzung. Sonst geht sofort die Klappe runter und man kommt nie an diese Leute ran. Er versucht, seinem Nazi nicht aggressiv gegenüberzutreten, sondern ihm ein Vorbild zu sein. „Ich arbeite immer hier und IMG_24671da kucken die ja auch. Und ich sage dann zu denen: Wenn dir das gefällt, mein Guter, dann bin ich ja froh, dass ich in einer Zeit lebe, in der ich das machen darf. Und da kommt dann so langsam der AHA-Effekt.“ Sein Nazi scheint bereits inspiriert zu sein und hat sich auf der gegenüberliegenden Grünfläche also bereits selbst künstlerisch betätigt. Und dafür gab es bereits ’ne Menge Anerkennung. Jason bleibt weiter einfühlsam und geduldig und hofft, „dass er von alleine die Fahne dann auch irgendwann abmacht!“

Man merkt, dass Jason langsam ein wenig unruhig wird. „Ich muss aufpassen, dass ich meine Arbeit nicht vergesse.“ Jasons Blick bleibt bei ein paar Mandala-artigen Zeichnungen hängen. Er verstummt, bückt sich und schiebt zwei der Bilder zusammen. „Da hab ich gerade was entdeckt.“ Er richtet sich wieder auf und grinst zufrieden.

Als ich meine Jacke anziehe, erzählt er mir von einer Party, die letztes Jahr am 1.Mai im Küchenholz am Schleußiger Weg stattgefunden hat. Mehrere tausend Menschen haben da in der Sonne getanzt und gefeiert. „Wieso habe ich davon nichts mitbekommen?“, beschwere ich mich. Es wurde über viel berichtet, darüber nicht. „Es ist schon schön, wenn du da tanzt und da kommen zwei Omas vorbei und verstehen die Welt nicht mehr. Auf einmal, fröhliche Menschen. Und alle tanzen sie!“ Es fuhr wohl auch ein Streifenwagen mit zwei Polizistinnen vorbei. „Und du siehst schon am Blick, die haben gerade ein riesen Problem. Die kommen gerade mit der Welt nicht mehr klar und überlegen, ob sie nicht doch den falschen Beruf gelernt haben…“

Er begleitet mich zur Tür. „Helena, es war mir eine Ehre. Lass dich gerne wieder mal blicken!“ Jason wird jetzt erst mal Holz machen. „Toller Hinterhof da draußen. Da könnte man auch mal ein schönes Hoffest machen…“, überlegt er laut. Seitdem er hier ist, hat er immer etwas zu tun. „Das motiviert dich, da hast du automatisch Bock, immer was zu machen. Da denkst du gar nicht nach, da machst du einfach.“

Wir beide sind uns einig: Wir freuen uns auf eine tolle Zeit in unserem „Kiez“!

(Fotos: Karen Lemme, Jendrik Kleinert/ Text: Helena Mohr)

„Sei froh, dass du deine eigene Welt hast“

Manchmal vergesse ich, wieso ich einen Blog über die Georg-Schwarz-Straße schreibe. „Macht das alles Sinn?“, frage ich mich dann. So geht es mir meist, wenn ich länger nicht mehr dort gewesen bin.

Es ist ein garstiger, verregneter Tag im Januar. Gegen Mittag mache ich mich auf, um einen potentiellen Interviewpartner zu fragen, ob er etwas über sich und die Georg-Schwarz-Straße plaudern will. Viel zu weit bin ich gefahren, fällt mir in der Tram auf. Am Rathaus Leutzsch steige ich aus. Auf der gegenüberliegenden Seite streitet sich ein Pärchen lautstark. Er brüllt sie an, sie setzt ihre Kapuze auf, dreht sich um und geht davon. Es kommt mir vor, als sei die Georg-Schwarz-Straße belebter als sonst. Aber, „Alles ist relativ“. Das steht passenderweise auch auf meinem Regenschirm…

ImageWenig später bin ich an dem allein stehenden Haus mit der Nummer 84 angekommen. Über der Türe hängt ein Schild: „Galerie Studio JMT“. Auf dem Gehweg prangt folgender Spruch: „Persönlichkeiten werden nicht durch schöne Reden geformt, sondern durch Arbeit und eigene Leistung. E = mc² (AE).“ Ich schaue durch die große Glasfront. Drinnen ist es hell beleuchtet und ich höre laute Musik. Michael, alias „Jason“ steht vor seinem Mischpult. Ich drücke die Klinke herunter – abgeschlossen. Er blickt auf, nimmt die Kopfhörer ab und schließt mir die Türe auf. „Hey“, begrüßt er mich freundlich, „komm rein!“. Gleich überfalle ich ihn mit meinem Anliegen. „Wow, Stopp, setz dich, ich muss erst mal runter kommen. Wenn ich Musik mache, dann bin ich in einer ganz anderen Welt!“ Er lehnt sich auf seinem Sofa zurück, schüttelt kurz den Kopf und fragt dann: „Also, was machst du nochmal?“ Ich erkläre ihm, worum es bei dem Blog geht. Er ist einverstanden und beginnt sofort, von den Menschen und der besonderen Atmosphäre in der Georg-Schwarz-Straße zu schwärmen. Die Leute begegnen ihm mit so viel Freundlichkeit und Neugierde. Und alle haben Geschichten zu erzählen. Und Jason hört ihnen zu. „Manche wohnen hier schon 30, 40 Jahre. Ich kann dir Geschichten von Leuten erzählen… Aber, das machen wir dann beim nächsten Mal!“ Wir verabreden einen fixen Termin für das Interview. „Zum Glück gibt es Terminplaner!“, lacht er. Ich nicke und sage: „Ich wäre sonst völlig aufgeschmissen!“

Jason schließt mir die Tür auf und verabschiedet mich freundlich. Ich muss grinsen. Auch noch in der Tram. Dann fällt mir auf, dass ich mich (trotz Timer!!!) im Datum geirrt habe. Ich schreibe ihm eine SMS: „Lieber Jason, ich lebe wohl auch in meiner eigenen Welt… Diese Woche ist ja schon der 10. Wir sehen uns also übermorgen um 11. Bis dahin.“ Und er antwortet: „Sei froh, dass du deine eigene Welt hast. Bis dahin.“

Ja, manchmal vergesse ich, wieso ich einen Blog über die Georg-Schwarz-Straße schreibe. Aber jetzt weiß ich es wieder…

Freut euch mit mir auf das ausführliche Gespräch mit Michael Thomas, alias „Jason“!

(Foto: Jendrik Kleinert, Text: Helena Mohr)