Weiße Rosen…

Das neue Semester hat längst begonnen, mein Praktikum liegt bereits einige Wochen zurück. Nun habe ich aber noch einmal in meiner Gedächtnisschublade gekramt…

Es ist wieder mal ein sonniger Tag auf der Georg-Schwarz-Straße. An sich möchte ich nur etwas bei kunZvonKaufungen abholen. Ich blicke in den blauen Himmel über Lindenau. Auf der anderen Seite hält eine Tram. Zwei Männer steigen aus. Der eine hat eine Plastik-Tüte eines Discounters in der Hand. Aus der nahe gelegenen Bar tritt ein Mann. Er sieht die beiden kommen und macht mit seinen Händen ein Zeichen. „N großes Glas?“, will er wohl fragen. Die beiden nicken und verschwinden in der Kneipe.

Ich schaue nach rechts. Ein älterer Herr torkelt auf mich zu. Es ist viertel vor vier, Donnerstag Nachmittag. Er wankt gefährlich in Richtung Straße und hält sich in letzter Sekunde an einem Schild fest. „Guten Tag!“, zwitschert er mir entgegen. „Tag!“, murmle ich und muss schmunzeln… Den Weg in die Bar findet er jedoch ganz zielsicher.

Beim Warten bemerke ich die zahlreichen Kronkorken, die in den weichen Teer neben den Tram-Schienen gedrückt wurden. Es scheint, als hätten sich gelangweilte Fahrgäste so die Wartezeit vertrieben…

Ein Junge auf einem Mountain-Bike biegt mit großer Geschwindigkeit von der Merseburger Straße ein. Mit dem Vorderrad scheint er in die Schienen gekommen zu sein. Das Rad beginnt zu schlingern. Mit dem Bein versucht er, einen Sturz zu vermeiden und kommt gerade noch vor einem parkenden Auto zum Stehen. Die wartenden Fahrgäste und ich halten den Atem an. Er blickt nach unten, schüttelt den Kopf, reißt den Lenker hoch zum Kick-Start und braust schnell davon.

Während meiner Recherche ist mir ein kleiner, jedoch nicht zu unterschätzender Fehler unterlaufen. Anstatt „Sun“ habe ich einem hier ansässigen Sonnenstudio den Namen „Fun“  zugeschrieben. Freudig lese ich immer wieder „Dream and Fun“. Es dauert einige Tage, bis mir mein Fauxpas auffällt. Mein Kollege und ich müssen herzlich lachen. Das klingt dann doch nach einer ganz anderen Art von Dienstleitung…

Ich radele gerade durch die William-Zipperer-Straße, da streift mich ein vorbeifahrendes Fahrschulauto beinahe mit dem rechten Außenspiegel. Mein Fahrrad schlingert ein wenig, ich mache ein erschrockenes Gesicht. Die Bremslichter leuchten auf und der Wagen kommt wenige Meter später zum Stehen – auf dem Radweg! Ohne Schulterblick ziehe ich links an dem Fahrschulauto vorbei und schüttele den Kopf. Der Junge soll schließlich auch etwas lernen…

Gedankenverloren fotografiere ich eine edel anmutende KITA in der Spittastraße. Ich werde von einem lauten Kläffen aus meinen Gedanken gerissen. Der Pekinese in dem parkenden Auto neben mir drückt seine Schnauze an der Scheibe platt. Er beginnt, wild auf dem Vordersitz hin und herzuspringen. Ich lasse meine Kamera in die Tasche plumpsen und radle schnell davon…

Bis in ans Ende der Hans-Driesch-Straße hat mich meine Recherche verschlagen. Staunend stehe ich vor der zerfallen Stadthausvilla mit der Hausnummer 17. Einige Zeit warte ich an der Straße, ich muss die Freitag-Nachmittag-Rush-Hour erwischt haben. Der Verkehr steht. Aus der Otto-Schmiedt-Straße  möchte eine dunkle Limousine abbiegen. Das Kennzeichen verrät, dass es sich um einen Leihwagen handelt. Darin sitzen zwei schick gekleidete Herren in dunklen Anzügen. Ein junges Mädchen im kleinen Polo, an ihrem Spiegel baumeln zwei pinke Plüschwürfeln, erbarmt sich und lässt die Herren abbiegen. Der Fahrer bedankt sich nicht durch bloßes Zunicken, wie üblich, sondern wirft der Fahrerin überschwänglich Kusshände zu. Diese nickt jedoch nur routiniert, verzieht sonst aber keine Miene…

Irgendwo zwischen Georg-Schwarz- und Hans-Driesch-Straße scheint es Herbst geworden zu sein. Auf meinem Rückweg sammle ich Kastanien. Ich möchte daraus kleine Figuren basteln. Mal sehen, vielleicht einen Pekinesen…

Verlässt man nun die laute, holprige, manchmal auch etwas schroffe Georg-Schwarz-Straße, so ist es, als würde man in eine andere Welt abtauchen. In Leutzsch stehe ich nun staunend vor großen Stadthausvillen, blicke in prachtvoll angelegte Gärten, hüpfe entzückt über Kopfsteinpflaster und beobachte tobende Kinder  auf liebevoll gestalteten KITA-Spielplätzen. Es ist ruhig, ab und zu kommt mal ein Mann in Anzug aus den zahlreichen Ingenieurs- oder Unternehmensberatungsbüros und steigt in seine große Limousine. Mit zahlreichen google-maps-Ausdrucken kämpfe ich mich durch die vielen kleinen Nebenstraßen zurück und stehe wenige Augenblicke später wieder auf der Georg-Schwarz-Straße. Eine Tram donnert vorbei, auf der anderen Straßenseite räumt Irfan mit einigen Helfern seinen neuen Döner-Container ein. Ja, eigentlich ist alles wie immer auf der Georg-Schwarz-Straße…

Die Fotos entstanden bei einer kleinen Praktikums-Erinnerungs-Tour Ende Oktober.

Zum Abschluss hier noch ein paar Anekdoten von diesem Tag:

Wir beschließen, bei Irfan eine Fanta zu trinken. Freudig winkt er uns zu. „Warst lange nicht mehr da zum Quatschen“, sagt er. Bei holländischer Dosen-Fanta und giftgrünem Apfeltee kommen wir ins Plaudern. Seit sieben Jahren ist er nun in Deutschland. Erst Bitterfeld, dann Leipzig. Aus zwei Stückchen ZEWA bastelt er für jeden eine Rose. „Billiger als echte, die müsst ihr nicht gießen!“. Nach einer halben Stunde verabschieden wir uns. Durch den Kies schieben wir unsere Räder zurück auf die Straße. Bald wollen wir für ein längeres Interview wieder kommen. Wir winken und radeln weiter die Georg-Schwarz-Straße entlang.

Ich warte auf der anderen Straßenseite während Karen Bilder von einem leerstehenden und bereits zerfallenen Haus schießt. An mir geht ein Pärchen mit zwei Hunden vorbei. Sie bleiben stehen, der Kampfhund-Mischling riecht an meinem Bein. „Deswegen ändert sisch hier oooch nüscht!“, brummt der Mann. „Ach, meinen Sie? Wir sind da optimistisch!“, entgegne ich lachend. Die beiden schütteln den Kopf und gehen weiter. Während ich warte, falte ich eine ZEWA-Blume auf und putze mir damit die Nase.

Ja, eigentlich ist alles wie immer auf der Georg-Schwarz-Straße…

Fotos: Karen Lemme, Text: Helena Mohr

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