Praktisch gesehen…

Sommer-Loch im Fußball und in der Politik, Semesterferien in Leipzig. Ich möchte aber noch mehr Zeit mit dieser Georg-Schwarz-Straße verbringen, sie besser kennenlernen. Ich schlage dem Magistralenmanagement ein freiwilliges Praktikum vor. Nun ist die erste Hälfte eben dieses Praktikums vorbei und es wird Zeit, ein kleines ResümeeImage zu ziehen… Taucht mit mir ein in den schrägen und aufregenden Alltag einer ganz normalen Praktikantin auf der so überhaupt nicht normalen Georg-Schwarz-Straße…

An meinem ersten Tag mache ich mich mit dem Rad auf Weg zum Stadtteilladen Leutzsch, Hausnummer 122. Auf gefühlten 50 cm zwischen Bordstein und Schienen weiche ich von rechts kommenden Autos aus. Von hinten donnert im Zehn-Minuten-Takt eine Straßenbahn heran. Ich schalte in den dritten Gang und trete stehend in die Pedale. Völlig verschwitzt und den Tränen nahe komme ich am Stadtteilladen an…

ImageIn der nachfolgenden Zeit entscheide ich mich für die William-Zipperer-Straße. Diese verläuft parallel zur Georg-Schwarz-Straße und hat einen Radweg. In der zweiten Woche wird meine „Assistentin“ hier jedoch fast von einem abbiegenden Auto erfasst. Radfahren rund um die Georg-Schwarz-Straße ist demnach nichts für Weicheier…

Danie rät mir, mal „am Ende“ anzufangen. Und so radele ich (über die William-Zipperer-Straße!!!) bis zu den Leutzsch-Arcaden und beginne dort mit meiner Arbeit. „Wo ist was auf und um die Georg-Schwarz-Straße?“ soll ich in meiner Praktikumszeit klären…

ImageAm Anfang entscheide ich mich für eine eher subtile Herangehensweise. Ich verschanze mich zwischen Warenträgern, mache heimlich, wie eine kleine Spionin Fotos der Läden. Ich kneife die Augen zusammen, bzw. zoome mit der Kamera ganz nah ran, um von der großen Entfernung die Öffnungszeiten, Inhaber, Telefonnummern erkennen zu können. Manchmal bemerken die Ladenbesitzer oder Kunden mein merkwürdiges Verhalten, kommen aus dem Laden, stemmen die Hände in die Hüften und schauen sich finster um. Bis dahin bin ich meist schon verschwunden, weg geschlendert wie eine Touristin, schaue unschuldig in die Luft, allerdings mit einem Puls von 180. Sie scheinen zu denken, ich sei eine fiese Immobilienmaklerin, die alles aufkaufen, abreißen und Büro-Gebäude oder schicke Lofts bauen lassen will…

Draußen vor den Leutzsch-Arcaden mache ich eine kleine Mittagspause. ImageNeben mir auf der Bank sitzen drei junge Leute in meinem Alter. Sie unterhalten sich über’s Auswandern. Nach Amerika wollten sie am liebsten. Sie wissen bestens Bescheid über Start-Kapital, Präsidentschaftswahl, Green Card. Wenn sie denn dann mal das nötige Kleingeld zusammen hätten, dann ginge es los in die USA. „Als Handwerker kann man da ne Schweine-Kohle machen!“, meint der eine Junge. „Wir haben das know-how, denen könnten wir’s zeigen! Yes, we can!“. Und dann schauen die drei nachdenklich in den blauen Himmel über Leutzsch…

Von den Leutzsch-Arcaden gehe ich zu Fuß bis ans Ende der Georg-Schwarz-Straße. So komme ich zu Irfan und seinem Dönerhaus. Er sitzt da mit seiner Frau und trinkt Tee. Unentschlossen stehe ich vor der Kies-Einfahrt. Die beiden lächeln mich freundlich an. Ich stelle die, zugegebenermaßen etwas überflüssige Frage, ob das hier ihr Laden ist. Die beiden nicken. Ich mache ein Foto von Irfan in seinem Döner-Container. Er bietet mir einen Tee an und so halte ich auf den Bierbänken einen kleinen Plausch mit den beiden. Ab und zu tröpfeln mal ein paar Gäste herein. Die Zwillinge (ich schätze mal, dass es Stammgäste sind) prosten sich mit zwei Sternis zu… Irfans Frau und ich müssen lachen…

ImageAm nächsten Tag stehe ich wieder vor dem Döner-Container. „Keine Angst, ich komme nicht jeden Tag!“, beruhige ich Irfan.  Er hätte doch keine Angst, er würde sie freuen, da könnte man quatschen, lacht er. Ich trinke eine holländische Fanta und beobachte den Mittagsbetrieb. Hier geht’s nun zu wie im Taubenschlag. Bei vielen Kunden weiß Irfan schon vorher, was sie bestellen wollen. „Mit Schafskäse?“, fragt er. „Ohne!“, grinst das Mädchen. „Es war wieder vorzüglich!“, ruft ein junger Mann. Er stellt den Teller auf den Tresen. „Gute Nacht! Bis zum nächsten Mal!“ und stapft durch den Kies davon…

Die folgenden Tage wähle ich eine offensivere Taktik. Das Herumschleichen und So-tun-als-sei-ich-gar-nicht-da hat mich müde gemach. Ich gehe offen auf die Ladenbesitzer zu und spule meinen Text herunter. „Hallo, wir machen eine Überarbeitung der Web-Site der Georg-Schwarz-Straße, darf ich…, kann ich…, Danke!“ Von den meisten ernte ich nur ein stummes Nicken. Die Leute überschlagen sich nicht gerade vor Euphorie, doch mein Säckchen an Motivation und gute Laune reicht für die 2,5km lange Georg-Schwarz-Straße und all ihre Nebenstraßen…

ImageBereits am ersten Tag fällt mir auf: hier wimmelt es nur so von Handwerkern. Es scheint, als würde an jeder Ecke renoviert, gehämmert, gemauert, eingerissen und wieder aufgebaut. Aus den geöffneten Fenstern dringt Baulärm und Musik aus tragbaren Radios. Um die Mittagszeit überschwemmen die Jungs Bäckereien,  Schnell-Imbisse und Einkaufsmärkte, sitzen auf den Ladeflächen ihrer Baustellen-Fahrzeuge, lachen und unterhalten sich. Am Morgen grüßen sie mich freundlich, wenn ich mit dem Rad vorbei fahre oder zeigen mit dem Daumen nach oben, wenn ich von der gegenüberliegenden Straßenseite Fotos schieße…

Wen ich nicht gerade „draußen“ bin, dann sitze ich mit meinen Kollegen im Stadtteilladen. Das Telefon klingelt, mein Arbeitskollege hebt ab. Er antwortet nur mit „Ja“ und „Nein“, verzieht das Gesicht und runzelt die Stirn. Am anderen Ende erkundigt sich eine Dame, die vertrauensvoll den Kellerschlüssel eines Nachbarn angenommen hat, was passieren würde, wenn denn nun ein Unbefugter Zutritt zu eben diesem Keller bekommen würde. Sie stellt sich vor, dieser Langfinger könnte als Handwerker verkleidet sein. Natürlich würde sie seinen Ausweis kontrollieren, aber auch dieser könnte gefälscht sein. Nun möchte sie von uns wissen, bei wem denn nun die Verantwortung liegen würde, sollte so ein Fall tatsächlich eintreffen…

ImageEnrico hat mich für ein paar Stunden im Stadtteilladen alleine gelassen. „Aber, aber, aber, was ist, wenn jemand kommt und ich die Frage nicht beantworten kann?“, jammere ich. Dabei haben wir uns am Vortag noch überlegt, eine Art Sirene zu installieren, die ertönt, sollte überhaupt mal jemand in den Laden kommen… Für alle Notfälle hab ich trotzdem Enricos Handy-Nummer. Eine Minute, nachdem er den Laden verlassen hat, klingelt das Telefon. Ich überlege, ob ich ran gehen soll. Die Leute, die oft anrufen, sind eingespeichert. Auf dem Display erscheint eine unbekannte Nummer. Am anderen Ende meldet sich eine ältere Dame. Sie bräuchte die Durchwahl des Bürgeramtes im Rathaus Leutzsch. Sie könne diese nirgendwo finden. Während ich die Nummer suche, berichtet sie mir aufgeregt, weshalb sie dort dringend anrufen müsse. Wir verabschieden uns freundlich. Gleich danach klingelt es wieder. „Ja, hallo, ich bin’s nochmal!“, flötet sie ins Telefon. „Die Nummer ist falsch!“. Nun frage ich das Internet und gebe ihr die richtige Nummer…

Einmal kommt ein Mann herein und möchte eine Straßenbahn-Fahrkarte kaufen. Für eine andere Dame drucken wir eine Bewerbung aus, da sie den Stadtteilladen unter „Schreibbüros“ im Internet gefunden hat. Google Maps führt den Standort noch unter Pizzeria und zwei Frauen fragen uns mittags um 12Uhr, welche Kneipe denn hier schon geöffnet hätte. Ein interessanter Herr möchte Räume für eine Tanzveranstaltung anmieten. Er ist bereits verschwunden, seine gute Energie jedoch bleibt im Laden zurück…

Eines grauen Tages bin ich zu zweit und nicht allein. Kaum erreichen wir das Diakonissenkrankenhaus, fängt es an, erbärmlich zu regnen. Wir flüchten uns ins Kaffee Schwarz, genießen Milchkaffee, Kakao und selbstgemachten Zupfkuchen. Bei Jazz-Musik, im Times-Magazine blätternd, warten wir auf besseres Wetter.

ImageBei Hausnummer 28 machen wir eine kleine Pause. Wir nehmen auf der Stufe der Eingangstür Platz und beobachten die Menschen, die vorbei fahren und gehen. Wir sinnen über drei Worte für die Georg-Schwarz-Straße nach: Alt – (aber) aufsteigend – abgefahren.

Vielleicht kommt es durch den Regen, meine Begleitung rümpft die Nase. Nun fällt auch mir der starke Uringeruch auf und wir beschließen, weiter zu gehen…

ImageDie Sonne scheint durch die staubigen Fenster des Stadtteilladens. Ich blicke auf, ein rüstiger Herr mit Hut, Krawatte und leichtem Reisegepäck steht im Laden. Mister Jones, Tom Jones, ist gebürtig aus Bristol und sucht hier auf der Georg-Schwarz-Straße nach einer Bleibe für wenige Tage. Das Hotel, das er sonst immer besuchte, hat bereits dicht gemacht. Nach einem kurzen Telefonat habe ich eine Unterkunft für ihn gefunden. Ich begleite ihn bis zu seiner Pension. Auf dem Weg plaudern der Uhrmacher und ich, mal auf Deutsch, mal auf Englisch über Studium, Familie und Arbeit. Ob er hier Ferien macht, möchte ich wissen. Er schüttelt den Kopf. „Ich besuche das Grab meiner Lebensgefährtin. Gleich hinter dem Rathaus Leutzsch hat sie ihre letzte Ruhe gefunden.“ Alles habe sich hier ganz schön verändert. „In Leipzig wird viel gebaut.“, stellt er fest. Wann immer es ihm möglich ist, macht er die lange Reise von Rheinland-Pfalz nach Leipzig und verbringt ein paar Tage in der Georg-Schwarz-Straße. „Dieses Jahr vielleicht das letzte Mal…“, fügt er nachdenklich hinzu.

Freundlich wird er in der Pension in Empfang genommen. Er verabschiedet sich herzlich und verspricht, mich nochmal im Stadtteilladen zu besuchen…

ImageSogar bei meinem Nebenjob, weitab von Lindenau und Leutzsch, streckt die Georg-Schwarz-Straße ihre Klauen nach mir aus. Zielsicher spricht mich ein Mann an. Er sei gerade 25 geworden. Wir müssen lachen. Im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus, dass „Locke“ 65 ist, 30 Jahre in der Gießerei gearbeitet hat, Boxer war (Er sagt etwas von FKK, meint aber wohl eher eine andere sportliche Abkürzung…). Von Zuchthaus erzählt er auch. Und was folgt, ist ein strammer Durchmarsch durch sein Leben. Ohne Punkt und Komma. Ich stehe da, staune, lache, schüttele den Kopf und weiche zielsicher seinen Umarmungsversuchen aus. Als er dann erwähnt, dass er Ur-Leutzscher sei, werde ich hellhörig. „Nee, Mädchen, du kannst nicht auch noch bei mir unter kommen, ich habe da ja schon vier Frauen.“ Ich bohre weiter nach. „Ja, Georg-Schwarz-Straße!“, gibt er zu. „Hmm, war ja klar!“, denke ich mir und ich habe wieder einmal mehr eine Antwort auf die Frage: „Wieso Georg-Schwarz-Straße?“. Locke blickt auf und zack, er verabschiedet sich. „Und bitte, Mädchen, komm nicht einfach vorbei und klingel bei mir. Du weißt ja, das mit den vier Frauen muss genau abgestimmt sein!“. Er winkt und geht nach draußen.

Nun ist es wieder Freitag und auch Locke ist wieder da.  „Locke, die alte Nervensäge!“, ruft er. ImageEr zeigt auf mich und erzählt meiner Kollegin: „Sie hat mir verraten, das sie ne Schwäche für Männer über 60 hat. Aber, ich denk mir so, nee, Locke, dein Konto ist schwach…“ Zwanzig Minuten später ist Locke verschwunden, meine Kolleginnen und ich bleiben lachend zurück…

Nun habe ich noch zwei Wochen vor mir und ich fürchte, es bleibt weiter spannend…

(Fotos: Jendrik Kleinert/ Text: Helena Mohr)

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3 Gedanken zu „Praktisch gesehen…

  1. Und wieder eine wunderbare Kopfkino-Geschichte aus der fabelhaften GSS! Informativ, interessant und mit dem Blick für´s wahre Leben. Vielen Dank dafür und bittebitte weitermachen 😉

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