„Auenland“ – eine Reise ans „dreckige Ende“ der Georg-Schwarz-Straße

„Klar, können wir gerne machen, ist aber total unspektakulär…“, schrieb mir Juliane auf die Anfrage für ein Blog-Interview. Unspektakulär??? „Wie kann ein Kräuterladen unspektakulär sein?“, dachte ich mir. Ich sah mich schon auf dem Hexenbesen zum  Blocksberg, äh, in die Georg-Schwarz-Straße reiten, lustige Kräuter in einen großen Topf streuen und mit kleinen Hobbits um’s Feuer tanzen.

Dass die Georg-Schwarz-Straße lang ist, wusste ich ja. Nämlich knapp 2,5km. Bis zur Hausnummer 170 bin ich bei meinen zahlreichen Radtouren und Spaziergängen bisher allerdings noch nicht gekommen. Böse Zungen nennen es auch das „dreckige Ende“ der Georg-Schwarz-Straße…

Es ist kurz vor zwölf, ich bin zu früh. Mit einem orangenen Flyer, den mir ein Mädchen vorher in der gegenüberliegenden Einkaufspassage zugesteckt hatte, fächere ich mir Luft zu. Vor dem „Auenland“ steht ein schwarzes Motorrad, matt gespritzt. Und auf dem Vorderrad sitzt eine schwarze Plastik-Ratte.

Durch die Scheibe sehe ich Juliane, wie sie eine große Metalltafel beschreibt. Sie kommt nach draußen und lehnt die Tafel an die Hauswand. Ich strecke ihr die Hand entgegen. „Oh ja, komm rein. Ich bin noch am Ordnung machen. War am Samstag beim Westpaket. Das hätte ein gutes Geschäft werden können, es hat aber die ganze Zeit geregnet.“ Der Verkaufstisch liegt noch voll mit Plagwitzer Mähwerken, Delikaten Schleußigkeiten oder Kanalgrütze, die sie extra für’s Westpaket zusammen gemischt hat.

Wenige Minuten später kommt ein Mann herein. Er winkt mit einem leeren Eier-Karton. „Alle wollen Eier!“, sagt Juliane mir später. Seitdem sie einmal die Eier vom Hof ihrer Mutter angeboten hat, fragen die Leute ständig nach. Zur Zeit gibt es aber keine Eier…

„Ein Bio-Laden würde hier gut laufen!“. Aber dafür ist ihre Fläche viel zu klein. 10,4qm, um genau zu sein. Generell bräuchte sie mehr Lagerfläche. Ich schaue nach oben. Da hat Juliane eine Art Dachboden aus Holz eingezogen, auf dem sie ihre Kräuter verstaut.

Eigentlich hat sie vorher in einem Wächterhaus in der Zschocherschen Straße gewohnt. Daraus werden jetzt aber teure Eigentumswohnungen gemacht. Das Haus mit der Nummer 170 hat sie zusammen mit zwei Freunden gekauft. 17 Jahre stand es leer, jetzt wohnen fünf Parteien hier. „Meine Wohnung ist schon fertig, manche wohnen aber noch total auf der Baustelle.“, sagt sie. Den Laden wollte sie unbedingt in Betrieb nehmen und hat ihn in mühevoller Eigenleistung renoviert. Im Sommer ist es hier angenehm kühl, aber im Winter zieht es ganz scheußlich durch die vielen Fugen und Ritzen.

Neben dem Ofen aus dem Jahr 1900 geht es drei Stufen hinunter. Juliane zeigt auf die Tür. „Hier will ich noch ’ne kleine Küche rein machen. Ich bin 1,60, der Raum ist 1,70 hoch, das passt.“ Ja, ein Hobbit würde wohl problemlos durch die winzige Tür passen…

Mit Hobbits hat sie ansonsten eher wenig zu tun. Der Name „Auenland“ kommt zum einen daher, dass sich ihr Laden in unmittelbarer Nähe des Auenwaldes befindet, zum anderen stammt sie ursprünglich aus der „Goldenen Aue“ im Kreis Nordhausen.

Juliane ist eigentlich studierte Archäologin. An sich ist sie kein Stadt-Mädchen. An den Wochenenden fährt sie am liebsten nach Thüringen zu ihrer Mutter, ihren Hunden und vor allem auch, um ihre Kräuter dort zu verpacken.

Dass sie so weit draußen ist, tut ihrem Geschäft nicht gut. „‘N bisschen Stammkundschaft habe ich schon, ich hätte allerdings schon gedacht, dass es besser läuft. Es war ’n Versuch wert.“ Wenn jemand kommt, dann ist das sowohl die Mutti mit den Rastas, als auch die nette Omi. A propos Omi: eine ihrer Kundinnen wünschte sich ganz fürchterlich eine Pimpinelle. Diese hat Juliane beim Wandern gefunden, kurzerhand ausgegraben und nach Leipzig mitgebracht. Es kamen auch mal ein paar Jugendliche, die sie für ihre Dealerin des Vertrauens hielten  und fragten sie nach Gras…

Das Wissen hat sie sich über die Jahre, Jahrzehnte, angelesen. In ihrem Internet-Blog stellt sie regelmäßig Kräuter vor. Auf Wunsch bietet sie auch Kräuterführungen an und mischt die wildesten Kreationen nach Vorstellung ihrer Kunden.

Ich gehe vor dem großen Holzregal auf und ab. Laut lese ich die Namen vor und schnüffle an den Packungen. „Das ist aroma-verpackt!“, grinst Juliane. Ich finde, dass es trotzdem riecht. Ich fand auch, dass es schon vor der Tür nach Kräutern riecht… Von den meisten Sachen habe ich noch nie etwas gehört. „Das sieht alles so holzig aus!“, sage ich. „Hmm, ja, das ist ’ne Wurzel.“, antwortet Juliane. Sie meint die Taiga-Wurzel, die wie Ginseng wirkt, allerdings in Sibirien wächst. Sie stärkt das Immunsystem,  Mäuse finden schneller durchs Labyrinth und bei Frauen steigert sie die Fruchtbarkeit. Tulsi-Kraut und Tragant-Wurzel, zum Beispiel, machen richtig wach. Ich zeige auf eine Packung mit Stern-Anis. „Aus dem kann man ’nen richtig tollen Schnaps machen!“, sagt sie. „Ich biete auch ’nen Absinth-Ansatz an.“ „Und das knallt dann übelst rein?“, will ich wissen. Sie nickt. „Aber aus dem Knall-Alter bin ich raus!“. Johanniskraut würde sie beispielsweise nie als Stimmungsaufheller anbieten, da es lichtempfindlich macht. An sich ist es eher ein gutes Magen- und Verdauungsmittel. „Was gerade richtig gut geht, sind Oliven-Blätter. Ich mache dann so ’ne Mischung mit Apfel als Eistee-Vorschlag.“

Ich frage, ob ihr die Öko-Bewegung, die gerade so hip ist, nicht zu Gute kommt. „Die Leute wollen schon was für ihre Gesundheit tun, nur eben nicht hier. Manchmal kommen auch Leute rein und wollen einen Tee, der sie vor allen schlechten Umwelteinflüssen schützt. Und so was gibt es eben nicht. Es geht nicht darum, den Körper endlos zu manipulieren. Wenn man krank ist, dann stimmt irgendwas nicht. Meistens liegt‘s ja an zu viel Stress!“

Das Windspiel an der Tür läutet. Herein kommt eine Freundin von Juliane und fragt nach Baldrian. „Ha, noch eine, die zu viel Stress hat.“, denke ich. Sie möchte den Baldrian aber nicht für sich, sondern für ihre Katzen. Die finden das nämlich „richtig geil“. Für herzschwache Katzen ist das im Allgemeinen aber nicht zu empfehlen. Was uns Menschen besser schlafen lässt und beruhigt, wirkt auf Katzen aphrodisierend. „Was Baldrian für die Katze ist, ist Diptam für den Menschen.“, erzählt Juliane mir danach. Vor kurzem hat sie den beim Wandern im Kyffhäuser entdeckt. Man nennt diese Pflanze auch den „brennenden Busch“, da die Blüte so viele ätherische Öle enthält, dass sie sich bei Sonne selbst entzündet. Allerdings blüht sie immer erst nach ein paar Jahren. Man braucht also Geduld…

Richtig viel Geduld braucht Juliane auch, als ich die Klingel auf dem Verkaufstresen entdeckt habe. Ich läute ein Mal. „Für Kinder!“, meint sie. „Dann lassen die meine Kasse in Ruhe.“ Die Kasse ist ein richtig schickes, sehr antikes Stück und wiegt mindestens 60kg. Ich läute ein weiteres Mal…

 

 

Die Kasse klingelt auch in Bezug auf den Handel mit Bio-Zertifikaten. Bio-zertifiziert zu sein kostet den Händler mindestens 300 Euro im Jahr. „Dann schauen die aber nur in meine Bücher und machen keine Stichproben.“, schimpft Juliane. Für den Kunden also noch längst keine Garantie, dass auch Bio drin ist, wo Bio drauf steht.

Doch sie ärgert sich nicht nur über Behörden, sondern schmunzelt auch über ausgefallene Kunden-Wünsche. Ab und an möchte jemand ein Stück des Mistelzweigs kaufen, der im Schaufenster hängt. Aber Ihre Kunden sind meist gut informiert. Schon Cäsar schrieb damals über die Kelten, dass die Druiden Misteln nur mit einer goldenen Sichel von Eichen abgetrennt haben. Und unter den Baum breiteten sie ein weißes Laken aus, damit die Mistel nicht wieder mit der Erde in Berührung kommt. Sonst würden nämlich alle Wirkstoffe zurück in den Boden fließen. Juliane hat ihren Mistelzweig zwar abgerissen, er ist dabei aber in der Tat auf den Boden gefallen…

Homöopathie-Fan ist Juliane im Übrigen nicht. „Und das in Leipzig!“, lacht sie. Aus 15g macht sie 2-3 Päckchen Tee. Über Erinnerungswert von Wasser kann sie nur müde lächeln.

Bald wird sie mit ihrer Doktorarbeit beginnen. Das „Auenland“ soll jedoch unbedingt erhalten bleiben, eventuell mit veränderten Öffnungszeiten. Juliane hat auch überlegt, daraus einen Verein zum Ankauf von Bio-Ware und Kräutern zu machen. Ihr Online-Shop ist derzeit in Arbeit.

So sieht die Zukunft für ihren Laden aus, aber was passiert wohl mit der Georg-Schwarz-Straße? „Es wird besser, auf jeden Fall. Wenn zum Beispiel dieses Eckhaus (sie zeigt auf das große Haus gegenüber) hier renoviert wird, dann ist das ja auch mal ein Anstoß für Investoren, hier hinten was zu machen.“ Sie erzählt mir von v.a. älteren Menschen, die mit glänzenden Augen von früher sprechen und sich freuen, dass hier endlich wieder was passiert. Sie könnte sich vorstellen, dass die Entwicklung in Richtung Zschochersche Straße geht. Ich frage nach drei Wörtern für die Georg-Schwarz-Straße. Sie überlegt kurz und sagt dann „Authentisch, entwicklungsbedürftig, hoffnungsvoll.“

Auch im „Auenland“ ticken die Uhren nicht anders, ich muss gehen. Zum Abschied drückt mir Juliane eine Packung Tee in die Hand. „LMAA“, steht darauf. Manchmal ist tatsächlich das drin, was drauf steht. Der „Leck-mich-am-Arsch-Tee“ enthält unter anderem die Taiga-(Wunder)Wurzel, etwas Baldrian, sowie magen- und verdauungsschonenden Zutaten.

Vor der Eröffnung zerschlug man ihr bei einer Rangelei die Eingangstür. „Die hat von 1910 bis zu diesem Tag durchgehalten!“, bedauert sie. Nach einem Straßenfest wurden ihr die gesamten Tageseinnahmen geklaut und für die Fertigstellung der Küche hat sie gerade kein Geld. Juliane lebt am Minimum mit ihrem Kräuterladen. Doch sie macht tapfer weiter und beweist damit, dass sie richtig Eier hat!

Wenn ihr also ein Geschenk für Freunde sucht, eure Katze mal richtig „geil“ erleben wollt oder euch einfach mal alle am Arsch lecken können: traut euch ans „dreckige Ende“ der Georg-Schwarz- Straße und geht ins „Auenland“!!!

(Fotos: Karen Lemme/ Text: Helena Mohr)

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