Fisch Bar – Abtauchen in der Georg-Schwarz-Straße

Es ist zehn nach sechs… Die Fisch Bar hat seit wenigen Minuten geöffnet. Beim Betreten klimpert der Muschelvorhang an der Tür. Drinnen riecht es nach Räucherstäbchen, die Musik ist laut aufgedreht. Danny, der Gründer und Besitzer der Fisch Bar steht hinter der Theke und lächelt mich freundlich an.

„Ich bin hier gerade noch am Vorbereiten“. Er singt und tanzt zur Musik, währenddessen lese ich ein wenig im Gästebuch. An der Bar liegen Flyer aus. Darauf steht: Fisch Bar: Abtauchen – Getränke – Snacks – Bücher – Konzerte. „Das mit den Konzerten ist ein wenig eingeschlafen!“, erzählt mir Danny im darauffolgenden Interview.

Ein paar Minuten später kommt der erste Gast. „N Stammgast!“, meint Danny. Der ältere Herr bestellt einen Kaffee und tippt dabei mit seinen Fingern den Beat auf dem Tisch.

Ich gehe die Runde. Einmal, zweimal. Der Karo-Boden, die blauen, schweren Vorhänge, der Kachelofen, alles ist stimmig, es passt irgendwie. „Das was du so siehst, das ist ja schon ne gewisse Gestaltung und das kommt von mir. Aber das verändert sich auch und das ist ja das Schöne an dem Laden.“ Und außerdem sagt Danny: „Wenn man selbst keine Ideen hat, muss man nur Leute kennen, die welche haben!“ Ach übrigens, hier die tolle Nachricht für alle, die nicht gerne alleine zur Toilette gehen: Es gibt zwei Klos nebeneinander …

Ich zeige auf den großen Fisch an der Wand. „Da kommt ein Freund von mir uns sagt: Ich würde gerne nen Fisch an die Wand malen. Und der Fisch ist jetzt da!“

Zu Füßen dieses Fisches türmt sich eine Unzahl von Büchern auf. Es passiert jedoch eher selten, dass sich tatsächlich ein Gast hinsetzt und liest. Das mit dem Ausleihen macht Danny auch nicht mehr so gern. Oftmals kommen die geliehenen Exemplare nämlich nicht mehr zurück…

Wir ziehen uns in den „Raucherbereich“ zurück. Hier gibt es weitere Sitzmöglichkeiten und einen Kicker. Ganz locker kommen wir ins Gespräch, eines ergibt das andere. Danny kommt ursprünglich aus der Nähe von Dresden, lebt aber schon eine ganze Weile hier in Leipzig. Er findet Leipzig sehr interessant, besonders, weil er ständig neue Leute kennenlernt. Für ihn gibt es „keinen Grund, hier weg zu gehen“.

Im Oktober diesen Jahres hat die Fisch Bar nun schon zwei Jahre geöffnet. Auf meine Frage nach dem Namen der Bar rollt er die Augen. Er hatte mal eine kleine Fisch-Theke. „Das will man aber irgendwann auch gar nicht mehr erzählen.“

Das Café-Konzept ging nicht auf. Das Publikum ist zwar völlig gemischt, die Laufkundschaft fehlt jedoch komplett. „Das ist kein leichter Laden.“, sagt Danny. Das Abendgeschäft ist bei Weitem erfolgreicher. Im Moment zumindest. Vielleicht steigt Danny in ein paar Jahren aber auch wieder auf die Café-Schiene um. „Ich backe einfach gerne Kuchen!“ Dafür gibt es jetzt einen vegetarischen Burger. Der wird einfach gerne gegessen. Und Alkohol gibt es mittlerweile auch.

Die Existenz auf der Georg-Schwarz-Straße ist jedoch oftmals alles andere als leicht. Alle kommen „gerade so oder irgendwie“ über die Runden. Manchmal ist es echt hart. Man reißt sich den Arsch auf, es kommen aber einfach wenig Gäste. Danny schätzt, dass die meisten Existenzgründer auf der Georg-Schwarz-Straße nebenbei noch etwas anderes machen. „Das geht so nicht!“, meint er.

Ich sage, es sei schon mutig, hier in der Georg-Schwarz-Straße ein Café zu eröffnen. Danny überlegt kurz und antwortet dann: „Na, Mut sagt, glaub ich, derjenige, der das nicht machen würde.“

Nun lehne ich mich noch ein wenig weiter aus dem Fenster und vergleiche die Georg-Schwarz-Straße mit der Eisenbahnstraße. Danny kann sich jedoch keinen anderen Standort für seine Bar vorstellen. Dass er hier sei, habe „nichts mit ausgewählt zu tun“. Ihn reizen besonders Orte, „an denen eben noch nix ist“.

Daniela, ebenfalls ein Teil des Fisch Bar-Teams schreibt in einer E-Mail: „Die Georg-Schwarz-Straße ist ein merkwürdiges Zwischenland von kreativen Existenzen, Eingeborenen und liebevollen Kreaturen. Die Sprache ist rau, scharf und oft genug auch herzlich.(…) Es ist authentisch, herzlich und schroff, oftmals ungerecht aber niemals wirklich tot. Irgendeine Mutti geht immer mit ihrem Hund Gassi.“

Doch nicht jede Mutti findet auch den Weg in Dannys Laden und so kommt es ab und zu vor, dass den ganzen Abend mal gar keiner auftaucht. Was er dann macht, frage ich. „Tanzen!“, sagt er. Oft kommen auch Leute, die mit im Haus wohnen, runter. Und dann sitzt man eben hier anstatt oben in der Bude.

Das Argument, er sei etwas ab vom Schuss, akzeptiert er nicht. „Du rollst hier regelrecht rein in den Laden.“ Damit meint er die Tram 7… Für die Zukunft wünscht er sich jedoch, dass die Gäste auch ohne Facebook und Flyer in seine Fisch Bar rollen.

Nach einiger Zeit kommt der Stammgast nach hinten, um seinen Kaffee zu bezahlen. Er wohnt schon immer auf der Georg-Schwarz-Straße. Wir fragen ihn nach drei Worten, die er mit der Straße in Verbindung bringt. „Na ja, was soll ich jetzt dazu sagen? Schön, na ja, obwohl, schön ist es ja eigentlich nicht. Eher schwierig!“ Er murmelt noch etwas von „Broadway“. „Da ging’s richtig ab!“, sage ich. Er lacht und nickt. Zu dritt einigen wir uns auf „Schwierig – schön- Wiedersehen!“

Mitten im Gespräch springt Danny auf. Die Musik ist aus… Er läuft zur Bar und ruft nach hinten: „Heute ist Cocktail- und Longdrink-Special. Jeden Mittwoch!“ Und ich probiere den Haus-Cocktail mit dem Namen „Moscow Mule“ (Ginger-Ale, Gurke und Wodka)… Ja ja, diese ominöse Mule…

Ich balanciere die Mule zurück zu unserem Tisch und zeige dabei auf das selbst gebaute Dj-Pult. „Ja, da kannst du dann deine Platten auflegen. Oder ich lege ne Platte auf.“ Er braucht ständig neue Musik. An drei Tagen läuft non-stop die Musik und da hat man sich ganz schnell mal satt gehört.

Ich probiere  die Mule und frage nach dieser „Gentrifizierung“, von der im Moment alle reden. Danny überlegt kurz. Anscheinend war sie noch nicht in seinem Laden, diese Gentrifizierung. „Kannst du die Frage…“, ich unterbreche ihn „…anders stellen?“. Er lacht. Eigentlich weiß ich selbst gar nicht mehr genau, was ich fragen wollte. Ich nehme noch einen kräftigen Schluck von der Mule. „Passiert hier eigentlich wirklich was oder macht nur andauernd irgendwas auf und zu?“, möchte ich dann wissen. Danny findet, es habe sich seit der Eröffnung sehr viel getan. Vor allem auch durch die Wächterhäuser. Wenn es nach ihm geht, kann sich dieser Prozess jedoch so lange wie möglich hinziehen. „Und diese Veränderungen, die müssen sich dann auch wieder verändern!“.

Später kommt noch ein anderer Stammgast. Als er mich da sitzen sieht sagt er: „Ach, noch so ein Findelkind. Es reicht doch gerade mal für uns.“  Und dann gibt es noch mehr Mule… Irgendwann -das Aufnahmegerät hat längst aufgehört, aufzunehmen –  reiße ich mich los und schwimme hinaus, durch den Muschelvorhang an der Eingangstür. Da stehe ich nun auf der Georg-Schwarz-Straße. Es regnet, aber ich muss selig grinsen. Ob das von den Räucherstäbchen kommt oder doch von der ominösen Mule???

Mein Besuch in der Fisch Bar war schrecklich-schön. Auf Wiedersehen!!!

(Fotos: Jendrik Kleinert/ Text: Helena Mohr)

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