Irgendwann muss Schluss sein…

aQO1awfibPi60wr5RpOrYjU5I1h2AGunRj_v5HbOap0Liebe Freunde der Georg-Schwarz-Straße, in den nun mehr als zwei Jahren, in denen ich in unser aller Lieblingsstraße umherstreune, habe ich so viel erlebt, so viel gesehen, so viele offene und von Herzen freundliche Menschen getroffen. Allesamt sind sie mutig, optimistisch und vielleicht auch ein wenig verrückt. An dieser Stelle soll nun aber Schluss sein. Es heißt ja immer, dass man aufhören soll, wenn es am schönsten ist…

Schweren Herzens habe ich mich dazu entschlossen, das Bloggen aufzugeben. Einige neue Verpflichtungen und das baldige Ende meines Studiums, verbunden mit dieser Bachelorarbeit ;), haben mich ordentlich im (imaginären) Schwitzkasten. Und ein hastig dahin geschlampter Blogeintrag, das würde dem wilden Leipziger Westen nicht im Ansatz gerecht werden.

So was wollte ich im Übrigen immer schon mal sagen (zu jedem Abschied gehört natürlich auch ein wenig Theatralik 🙂 ): ich danke allen, die mich unterstützt, geliked, geteilt, für mich die Werbetrommel gerührt und mit mir in Gedanken tagein, tagaus durch die Georg-Schwarz-Straße gewandert sind. Wo immer auf der Welt ihr auch alle wohnen mögt… Und ein ganz großes Danke an meine Lieblingsfotografin Karen, mit ihrem Blick für’s Besondere.

Ich weiß nicht warum, aber zum Ende fällt mir hier noch eine Szene aus Winnie Pooh ein:  „What day ist it?“, asked Pooh – „It’s today“, squeaked Piglet.  – „My favourite day“, said Pooh.

Nun sind wir alle nicht traurig, sondern halten stets die Augen offen, denn es gibt so viel Berichtenswertes und vor allem so viel Schönes da draußen! Au revoir!

P.S.: Der kleine Georg-Schwarz-Straßen-Blog wäre in vertrauensvolle Hände abzugeben. Wen ihr wen kennt, der wen kennt… Ihr wisst schon…

(Text: Helena Mohr/ Foto: Karen Lemme)

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„Leben und leben lassen“

Guten Mut(h)esSpontan zu sein, das habe ich spätestens in der Georg-Schwarz-Straße gelernt. Es ist immer auch ein bisschen Lebensschule… Für mich, die doch gerne mal als Erste zum vereinbarten Zeitpunkt am vereinbarten Treffpunkt ist, war das eine schwierige Lektion. Aber es wird langsam. Und so stehe ich auch diesmal, einige Tage später als vereinbart, vor dem Café gutsmuth. Durch die Scheibe sehe ich Hilde, die Besitzerin, hinter ihrem dem Glas-Tresen stehen. Als sie mich herein kommen sieht, lächelt sie freundlich und streckt mir die Hand entgegen. Während ich „erst mal ankommen muss“, wie ich immer sage, wuselt Hilde weiter in ihrem kleinen Café herum und ihre gute Laune steckt mich sofort an.

Ich breite Block und Stift und das Wichtigste, den Diktator, auf dem kleinen Stehtisch neben dem Fenster aus. Tante Hildegard, wie ich sie hier auch nenne (dazu aber später mehr), ist ganz begeistert von meinem Diktator. Sie weist mich auf die Aufnahmefunktion bei Smartphones hin und zeigt auf ihres. „Das ist das allererste iPhone, das raus kam, das allererste. Na ja, ich nutze das Ding ja eigentlich gar nicht.“ Die Aufnahmefunktion hingegen findet Tante Hilde äußerst praktisch. „Vor allem, wenn Leute was versprechen!“, lacht sie. „Wieder was gelernt“, denke ich mir. Ich sage ja, dümmer kommt man nie von einem Interview zurück…

Waffel-FeeHilde möchte jetzt eine Runde Waffeln backen. „Die Waffeln sind heute experimentell“, sagt sie. Bisher war das Eisen nämlich zu heiß. Eine Anleitung zum Profi-Waffeleisen gab es nicht und niemand, den Tante Hilde gefragt hat, der kannte sich so richtig mit dem Teil aus. „Da drinnen ist ein Schräubchen, das müssen sie drehen, um die Temperatur zu verstellen.“ In welche Richtung, das wusste keiner. „Das müssen sie ausprobieren!“, war die Antwort. Leider missglückt das Waffel-Experiment an diesem Tag. Alle Waffeln sind zwar fein am Stil, so wie sie es sollen, alle aber ein wenig verbrannt. Das heißt, Hilde hat wohl das Stellschräubchen schlichtweg in die falsche Richtung gedreht. „Na ja, das bekommt dann der Hase“, sagt sie achselzuckend. Anstatt Waffeln am Stil gibt es für mich jetzt einen leckeren Obstspieß mit Schokosoße.

Während Hilde weiteren Teig in die Form laufen lässt, frage ich munter drauf los. „Sie kommen aber nicht aus Leipzig, oder?“ Sie schüttelt den Kopf. „Ich bin gebürtige Kölnerin, habe aber lange Zeit im Westerwald gelebt.“ Und zwar richtig im Wald, mit Schafen und ganz ohne Nachbarn.Nach 15 Jahren zog sie es mit ihrer Familie dann aber wieder in die Stadt. „Da habe ich bewusst Leipzig gewählt“, erzählt sie. In Leipzig gefällt es ihr gut. Sie ist „überzeugter Wahl-Ossi“, sagt sie später. „Schon Ballungsgebiet, aber man kann auch nochmal auf der Straße drehen.“ Aber Hilde gibt auch zu: „Am Anfang schaut man jedem bewusst in die Augen, aber da wird man ja bekloppt. Das muss man ganz langsam wieder lernen, dieses Abstumpfen.“

Schafe hat sie heute natürlich keine mehr. Mit ihr kamen nur ihre beiden Kinder, der Hund und die Katze vom Wald in die Stadt. Wobei es der Katze in der GutsMuthsstraße anscheinend nicht allzu gut gefallen hat. „Die hat sich schon gleich verzupft“, sagt Hilde achselzuckend. „So minimiert sich das dann!“

Auf der rechten Seite des Cafés geht es zwei Stufen hinauf. Das ist dann aber schon Wohnbereich. Wohingegen manche ja Arbeit und Privat strikt trennen wollen, empfindet Tante Hilde gerade diese Mischung als perfekt. So kann arbeiten und gleichzeitig für ihre Kinder da sein, wenn die beispielsweise von der Schule nach Hause kommen.

Tante HildeJust in diesem Moment schneit ihre kleine Tochter herein, eine Freundin im Schlepptau. Als sie mitbekommt, dass ihre Mama gerade interviewt wird, sagt sie: „Uhhh, Mama!“ Für ihre Kinder, die an das Landleben gewohnt sind, ist Leipzig schon eine Umstellung. So gönnte Hilde sich selbst und ihren Kindern öfter mal eine Auszeit, z.B. an der Ostsee. „Wir brauchen einfach manchmal frische Luft“, sagt sie. Wobei ihre Kinder so nach und nach auch zu Großstadtpflänzchen werden. „Auf dem Land, da konnten sie wurzeln aber jetzt brauchen sie Flügel und dafür muss man in die Stadt!“, sagt Hilde.

Während ich meinen Espresso schlürfe, frage ich: „Und, wie gefällt ihnen die Gegend hier so?“ Trocken antwortet Tante Hilde: „Ja, fette Bronx, aber das habe ich mir ja auch bewusst so ausgesucht.“ Ich muss lachen. „Und die Jungs und Mädels, die da immer ihr Bier schön trinken, die stören Sie nicht?“, will ich wissen. „Jeder muss eben sein Leben gestalten“, sagt sie ruhig. „Und wenn man das gerne auf der Straße machen will, mit einer Flasche Bier in der Hand… Solange mich da keiner einengt in meinen Bedürfnissen.“ Grinsend fügt sie noch hinzu: „Da sagt der Kölner, also der Rheinländer eben: leben und leben lassen!“ Das ist eine wirklich schöne Einstellung, wie ich finde.

Sollte es aber jemand wagen, in den Torbogen ihres Hauses zu pinkeln, hört für Hilde definitiv der Spaß auf. „Da werde ich zur Furie!“, sagt sie. „Oder die ganzen Hunde, die sie hier hin kacken lassen, das ist echt unglaublich!“ Wo wir wieder bei dem bereits geschilderten Haufen-Problem wären… „Ich mache die bei mir natürlich weg. Ich meine, ich will da ja jetzt nicht Waffeln mit Scheiße!“, sagt sie energisch. Sie hat sogar schon mal mit einem von der Stadt über dieses Problem gesprochen. „Wenn es hier mal so richtig los geht, dann lass ich da mal jemanden kommen, der das mit so ’nem Hochdruckreiniger sauber macht.“ Im Sommer möchte sie nämlich Frozen Joghurt verkaufen. „Und Joghurt und Obst und dann diese Hundescheiße, dass muss ja wohl nicht sein!“, ruft Hilde.

Hilde selbst würde sogar einen Mülleimer aufhängen und die Kack-Beutel sponsern. „Die Stadt müsste dann nur noch dafür sorgen, dass dieser Mülleimer ausgeleert wird“, erklärt sie. Mülleimer sind in der GutsMuthsstraße wirklich Mangelware. „Die Stadt will die Leute damit erziehen!“, erklärt sie. „Aber, ich bin selbst Hundehalter, so ’ne Tüte vergisst man halt mal schnell.“ Sie selbst hat immer ein Tütchen an die Leine gebunden. „Aber, da latscht man quer durch Leipzig und irgendwann, ja, da wird dann auch das Scheiße-Beutelchen mal ein bisschen schwer!“ Als kleine Gedankenstütze für alle Hundebesitzer und solange ihre Mülleimer-Idee noch nicht verwirklicht ist, hat sie immer ein paar Plastikbeutelchen draußen an das Gestänge ihres Sonnenschutzes geknotet. Der eine oder andere Hundebesitzer mit Kackbeutelchen-Demenz scheint auch schon von den Tütchen Gebrauch gemacht zu haben…

Süßes, soweit das Auge reicht„Kommen denn viele Leute in Ihren Laden?“, will ich wissen. „Ach“, sagt sie, „ich bin jetzt zwei Wochen hier und meine besten Kunden, das sind tatsächlich die Kinder.“ Die fliegen vor allem auf den Süßkram, den man sich für wenige Cents, ganz klassisch, aus einem großen Glas mit Schraubverschluss, in eine bunte Papiertüte abfüllen lassen kann. Wenn es nach den Kleinen ging, hätte Hildes Café am besten schon in der großen Pause oder, noch besser, bereits vor der Schule geöffnet. Manchmal bringt Tante Hilde auch mit frischem Popcorn die Kinderaugen zum Leuchten. Frozen Joghurt mit verschiedenen Toppings soll dann aber das Hauptprodukt werden. Die Maschine dafür thront schon in der linken Ladenecke. Hilde hat sogar ein richtiges Eisfahrrad mit Kühlbox und buntem Schirm, mit dem sie dann an schönen Tagen an verschiedene Plätze fahren will. Zum Beispiel an den Karl-Heine-Kanal und diverse Spielplätze in der Umgebung.

Ich frage sie nach dem schönen, mintgrünen Schild, auf dem in weißer Schrift „gutsmuth“ geschrieben steht und das draußen neben der Tür hängt. „Haben Sie das selbst gemacht?“, will ich wissen. Sie lacht und deutet auf die Innenseite, die zum Laden zeigt. „Das da, das ist die innere Seite und weil da kein Regen ist, hält die. Das andere ist die Wetterseite und da muss ich jetzt nochmal mit Acrylfarbe ran.“ Die Wetterseite ist nun fliederfarben, ebenfalls mit weißer Schrift. Wieso auch nicht? Alles hat ja schließlich zwei Seiten…

Während unseres Gespräches bin ich mir manchmal nicht sicher, wer eigentlich wen interviewt. Hilde ist sehr geschickt und ehe ich mich versehe, weiß Hilde, was ich studiere, wie alt ich bin, wo ich herkomme und was mich antreibt, zu bloggen. Das gesamte Gespräch über bleiben wir beim „Sie“, es fühlt sich aber keineswegs fremd an, so dass ich mich ab und zu wieder darauf besinnen muss, dass ICH ja diejenige bin, die die Fragen stellen sollte. Es ist fast ein bisschen, wie in all diesen Filmen, in denen die frustrierten, verzweifelten oder auch überglücklichen Kneipengäste dem Wirt oder der Wirtin hinter’m Tresen ihre Lebensgeschichte erzählen. Und das, obwohl sie ihn oder sie doch gar nicht kennen…

Da geht mir ein Licht aufTante Hilde hat außerdem noch eine Mission. „Meine Mission ist, Menschen mit klassischer Musik zu beschallen“, erzählt sie mir. So müssen sich ihre kleinen und großen Stammkunden allerlei klassisches Musikwerk anhören. „Ich glaube, da gibt es dann eine Veränderung im Hirn“, meint sie. „Langfristig.“ Da kommt dann mal eine Woche Beethoven, eine Woche Mozart. Jetzt ist gerade Händel dran. „Ich will das ja auch an mir selbst testen“, grinst sie. Oben an der Scheibe klebt bunte Folie, die mich ein wenig an ein Kirchenfenster erinnert. „Na ja, ich hab ja sonst auch Kirchenmusik hier“, scherzt Tante Hilde.

Im Moment wohnt die Familie quasi neben dem Café. In der Merseburger Straße hat sie dann aber nochmal ein Büro, auch als Rückzugsort. „Wenn das Café dann sukzessive vergrößert wird, das könnte ich mir vorstellen, dann ziehen wir eben ein Stückchen weiter. Nicht mehr mitten rein in die Hundescheiße“, lacht sie. Das Café würde dann natürlich, getreu dem Namen, an seinem alten Platz bleiben.

Leipzig kennt Hilde eigentlich nur aus Ost-Zeiten. Damals war sie schon in der Moritzbastei mit Freunden „schwofen“ und für einen Bekannten, der hier lebte und großer BAP-Fan war, gab es die ein oder andere Platte, fein verpackt im sogenannten „West-Paket“. Und dann, viele Jahre später, hatte sie die Chance, nach Leipzig zurück zu kehren. Für ihr Café gab es von der Stadt Leipzig sogar Fördergeld aus dem Topf für den Leipziger Westen. Das war bitter nötig, denn der Laden und auch die Wohnung mussten eigentlich kern-saniert werden. Beinahe hätte ihr da die etwas unkonventionelle Schreibweise der GutsMuthsstraße einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Ich kam mit meinen Kindern hier an und wollte ihnen ein tip-top Nest bieten. Aber was fehlte? Die Toilette!“, erzählt Hilde. Ja, und der Mann, der die Toilette liefern sollte, wurde von seinem Navi fehl geleitet, weil dieses nach einer GuthsMuthsstraße suchte. Was so ein einziger Buchstabe doch ausmachen kann…

Im SchlemmerlandHilde will mal einen Blick auf den Georg-Schwarz-Straßen-Blog werfen. Sie selbst wurde sogar gefragt, wieso sie denn nicht in der Georg-Schwarz-Straße etwas aufmachen würde. „Da sind doch ganz viele Künstler“, sagte man ihr. „Aber ich will doch kein Künstler sein, ich will nur anständigen Kaffee verkaufen, mehr will ich doch gar nicht“, antwortet sie dann. Dass sie selbst eine der ersten ist, die in der GutsMuthsstraße zu einer Veränderung führen könnten, sieht Hilde durchaus kritisch. Sie will gar nicht, dass alles durchsaniert ist. Die Gegensätze sind für sie nämlich das, was das Besondere hier ausmacht. „Aber alles hat eben seinen Preis“, sagt sie nachdenklich.

Gleich zurückWährend wir da sitzen und reden, gehen allerhand Leute vorbei. Jung, alt, hip, nicht so hip. Aber allesamt schauen zu uns herein, ab und zu nickt Hilde und sagt laut: „Tag!“ „Gerade ist das mit dem Café hier aber auch noch totaler Idealismus“, gesteht sie. Hilde probiert sich gerade einfach noch aus. Waffeln, Popcorn, später mal Frozen Joghurt. Und abzocken will sie auch niemanden, so hat sie sehr moderate Preise. Wäre sie in Schleußig, könnte sie wahrscheinlich durchaus mehr verlangen. Im Sommer müssen die Geschäfte dann aber schon besser laufen. Manchmal kommen sogar Leute aus angrenzenden, schon durchgestylten Stadtteilen ins Café gutsmuth, weil ihnen dort eben schon alles „zu hip“ ist. Feste Öffnungszeiten gibt es noch nicht. „Nur Mittwoch, für mich der 7. Tag, da ruhe ich!“, lacht Tante Hilde.

König KnochenkopfHilde hat eine Ausbildung im Hotel gemacht, dann hat sie Hotelbetriebswirtschaft mit Schwerpunkt Personalwesen studiert. Irgendwann kam dann sogar noch eine Massageausbildung. Aus dieser Zeit stammt auch das Skelett, des links neben dem Aufgang zu ihrer Wohnung steht. Dieser Knochen-Mann mit der Krone bewacht sozusagen den privaten Bereich. An seiner rechten Schulter hängt ein buntes Süßigkeitentütchen auf dem „PRIVAT“ steht. Knochen-Kalle musste während dem Schlenker in den medizinischen Bereich also zum Üben herhalten.

Was darf's denn sein„Sie haben ja schon echt viele verschiedene Sachen gemacht“, stelle ich fest. Hilde nickt. „Haben Sie keine Angst vor der Zukunft?“, frage ich weiter. Sie lächelt und schüttelt den Kopf. Das finde ich sehr beeindruckend. Kurz sind wir beide still, ich blicke nachdenklich nach draußen. Einen Plan B hat sie nicht, aber noch viele weitere Pläne, erzählt sie dann weiter. Gerade will sie aber einfach auch noch für ihre Kinder da sein und das ist mit dem Café direkt neben der Wohnung gut machbar.

Als ich sie nach drei Wörtern – diesmal für die GutsMuthsstraße – frage, sehen wir einen Mann aus dem gegenüberliegenden Haus gehen, den wir beide kennen. Der lustigere ältere Herr war vor Kurzem bei ihr, um Kaffee zu trinken. „Na ja, wenn ich mich selbst sehen könnte“, stellte er schmunzelnd fest, „da drüben über die Straße ist meine Küche und hier trinke ich Kaffee!“ Manche ziehen also Hildes Café ihrer eigenen Küche vor!

Frische WaffelnHilde findet, dass man beim Kaffee die Birne frei kriegen kann. Und sie interessiert sich für die Geschichten, die die Leute ihr erzählen. „Mit ’nem Eis oder ’nem Kaffee, der gut schmeckt, ist das Gesagte eben gleich viel besser verdaut“, sagt sie. „Ich kenne eigentlich keinen Menschen, der schlechte Laune hat, wenn er an einem Eis schleckt.“ Man muss sich dabei eben öffnen, den Mund im wörtlichen Sinne und dadurch sich selbst, im übertragenen. „Und dann noch die Musik dazu, das bewirkt etwas!“, lacht sie.

„Drei Worte fallen mir aber eigentlich nicht ein, mir fallen 8000 ein. Ich kann mich einfach schlecht reduzieren“, beantwortet Tante Hilde meine obligatorische 3-Worte-Frage abschließend.

Zum Schluss erkundige ich mich, wie ich sie im Blog nennen soll. „Tante Hildegard“, sagt sie und zupft an ihrer Kittelschürze. „Wenn ich mich als Marke etablieren wollte, dann müsste ich schon das Fräulein Hildegard sein“, lacht sie. An sich ist es ihr aber egal, wie ich sie nenne. „Morgen kommen wir dann zum Bilder machen“, sage ich, als ich meinen Diktator einpacke. „Okay“, sagt Tante Hilde, „dann mache ich mir morgen Zöpfe!“ Das Fräulein Hilde trägt demnach wohl geflochtene Zöpfe und eine Kittelschürze.

Essen macht glücklichAls Karen und ich am nächsten Tag ankommen, steht eine Traube Kinder vor’m Café gutsmuth. Tante Hilde ist heute zwar ohne Zöpfe, dafür aber wieder ansteckend gut gelaunt und in Plauderstimmung. Aus einer kurzen Foto-Session wird beinahe eine ganze Stunde mit Reden, viel Lachen und vor allem äußerst leckerem Essen. Für uns gibt es gesunde Frucht-Spieße, Stulle und einen wundervoll angerichteten Teller mit Waffeln, Pflaumenkompott und Puderzucker. Als schon längst alle Fotos im Kasten sind, sitzen wir immer noch da, bewundern die Popcorn-Maschine und den Waffel-Maker, quatschen über die Uni und andere Dinge. So, als würden wir an unseren Stühlen fest kleben. Es ist nicht so, als dass wir an diesem Tag nichts mehr zu tun hätten, aber irgendwie wollen wir noch nicht gehen. Als wir dann doch irgendwann aus dem Café gutsmuth auf die graue GutsMuthsstraße treten, sind wir satt, gut gelaunt und vor allem glücklich…

(Fotos: Karen Lemme, Text: Helena Mohr)

Guten Mut(h)es

MS ChérieViele glauben, ich würde in der Georg-Schwarz-Straße wohnen. Liegt ja nahe – wo ich schon über sie schreibe. Tatsächlich bin ich in der Georg-Schwarz-Straße überall ein bisschen daheim und wer schon mal dort gewesen ist, der weiß, dass einem (meist) alle Türen offen stehen. Wenn man die (manchmal) unkonventionellen Öffnungszeiten beachtet… Ich wohne allerdings ein kleines Stück südlicher im Wilden Westen, in der GutsMuthsstraße. Sie verbindet die hippe Karl-Heine-Straße mit der unglaublich befahrenen Lützner Straße. In meinem ersten Monat hier in Leipzig flötete ich von der Rücksitzbank eines Taxis nach vorne zum entnervten Fahrer: „Bitte in die GutsMuthsstraße, Plagwitz!“ „Das ist Lindenau!“, korrigierte er mich bissig. Seitdem wohne ich, je nach Bedarf, mal in Plagwitz, mal in Lindenau.

Im Gegensatz zur Georg-Schwarz-Straße gibt es dort bisher nicht viel Erwähnenswertes. Da ist der Dönermann des Vertrauens vorne auf der Ecke, in direkter Nachbarschaft gibt es einen Sportverein für die Sportlichen, vorne an der Lützner Straße ist ein überlebensnotwendiger Discounter, vor dem zu jeder Tages- und Abendzeit ein illustres Grüppchen Bier und diverse Spirituosen in sich hinein kippt. Und ich habe das Gefühl, hier gibt es mehr Hundehaufen als irgendwo anders. Bereits vor dem Smartphone-Hype müssen die Leute, die hinter mir gegangen sind, gedacht haben, ich würde permanent SMS verschicken, weil ich grundsätzlich mit hängendem Kopf durch die GutsMuthsstraße ging, um in keinen der vielen Haufen zu treten. An irgendeinem Sommernachmittag steckten mal hier, mal da eine Plastikgabel in den vielen Kacke-Hügeln. Wenn ich Besuch bekomme, dann ermahne ich diesen immer, einen Blick unter ihre Schuhe zu werfen, bevor sie bei mir in der Wohnung über sämtliche Teppiche latschen. Nicht selten muss der Rasen unten im Hof als Kot-Abstreifer herhalten. Bis gestern Abend bin ich selbst übrigens in keinen einzigen Haufen getreten. Bis gestern Abend…

Hm, ja, „schön“ ist vielleicht nicht das richtige Wort für die GutsMuthsstraße. Als ich hier ankam, direkt aus dem schnieken Hamburg, um mir meine neue Bleibe anzuschauen, erlitt ich beinahe einen kleinen Kulturschock. So schön hatte ich es mir ausgemalt, in diesem Lindenau. Ein wenig hysterisch sagte ich zu meiner Mutter: „Hm, gar nicht mal so schön hier…“ und sie entgegnete spitz: „Nö, total hässlich!“ Sehnlichst wünschte ich mich in mein überteuertes Mini-Zimmer an der Alster zurück.

Heute, nach mehr als zwei Jahren, will ich hier gar nicht mehr weg. Und so langsam tut sich auch hier in der GutsMuthstraße etwas. Einige der leerstehenden Häuser wurden und werden noch saniert und als ich nach meiner langen Zeit im fernen Berlin wieder hier in meiner Hood ankam, traute ich meinen Augen kaum. Voll bepackt kam ich aus unserem Kiez-Discounter, mein Blick schweifte nach links und ich sah das Unfassbare. In der Hausnummer 7 hatte tatsächlich ein Café eröffnet. Hier? Bei uns? Mit offenem Mund blieb ich stehen, der Typ hinter mir rannte fast in mich hinein. Mit zwei Fingern versuchte ich, mein Telefon aus der Jackentasche zu angeln, um ein Beweisfoto zu machen. Schließlich hätte es morgen schon wieder weg sein können. Das mit dem Foto gelang mir nicht, aber ich war fest entschlossen, nachzufragen, wer so mutig ist, hier ein Café zu eröffnen.

Wenige Tage später stand ich dann, aufgeregt wie ein kleines Kind, im Café GutsMuth. Eine nette blonde Dame begrüßte mich. Vor Aufregung habe ich im Übrigen vergessen, meinen Namen zu sagen und ihren weiß ich auch nicht. „Ich bin für jeden Schabernack zu haben!“, grinste sie, als ich um ein Blog-Interview bat. Auf dem kleinen Stück Weg zwischen Ecke Endersstraße und Café zählte ich im Übrigen rund 15 Hundehaufen. Am nächsten Morgen sammelte ein Mann der Stadtreinigung mit einer Engelsgeduld all die Kacke-Hügel auf. Als ich am Mittag zurückkam, waren sie wieder da. „Das gehört wohl einfach zur GutsMuthsstraße, wie das große M“, dachte ich mir dann.

Wenn es ein „dreckiges Ende“ in der GutsMuthstraße gibt, dann ist es wohl dieser Abschnitt zwischen Endersstraße und Lützner Straße. Genau da, wo das Café eröffnet hat. Was sie sich wohl dabei gedacht hat, werde ich fragen. Genau heute werde ich der Sache auf den Grund gehen. Ich sage Euch, ich bin gespannt!

(Foto: Karen Lemme/ Text: Helena Mohr)

Erwacht aus dem Dornröschenschlaf

Spieglein, SpiegleinGedankenversunken springe ich die oberste Stufe der Tram 7 hinunter. Am Lindenauer Markt stoße ich beinahe mit Giuseppe, dem Betreiber des Bistros Amico, zusammen. Ehe auch nur ein Laut aus meinem Mund kommt, ist er in Richtung Rietschelstraße verschwunden. Grinsend schlendere ich über den Lindenauer Markt, da bimmelt mein Handy. Es ist Jason, den ich im Januar in seiner Galerie in der Georg-Schwarz-Straße 84 besucht habe. Er verkündet mir, dass er umgezogen ist. Merseburger Straße. Vor Weihnachten soll ich mich da schon nochmal blicken lassen. „Mach dein Ding!“, ermutigt er mich außerdem.

 

Ja, ich sehe schon, kaum zurück aus dem alten Berlin zurück im „neuen Berlin“, „Hypezig“ (welch garstigen Worte) oder für mich einfach nur „mein Leipzig“, streckt die Georg-Schwarz-Straße schon wieder ihre Fühler nach mir aus. Und wie ich sehe, hat sich in meiner Abwesenheit einiges getan… Es wird also Zeit, meiner Lieblingsstraße wieder mal einen Besuch abzustatten! Geht wieder mit mir auf Entdeckungsreise im wilden Leipziger Westen!

(Text: Helena Mohr/ Foto: Karen Lemme)

Sommerpause

Viele Wege führen in die Georg-Schwarz-StraßeLiebe Freunde der Georg-Schwarz-Straße,
mit großen Schritten geht es auf’s Semesterende und damit auf die Prüfungszeit zu. Und danach bin ich erstmal zwei Monate im Praktikum und mache zur Abwechslung mal ein bisschen Radio im schönen Potsdam. Aus diesem Grund geht der Blog über unsere Lieblingsstraße erstmal in die Sommerpause.

Ab Oktober gibt’s dann wieder Neuigkeiten aus dem wilden Leipziger Westen. Ich hoffe, wir sehen uns dann alle frisch und munter wieder, im goldenen Herbst, auf der wundervollen Georg-Schwarz-Straße!

Bis dahin!

„Gegen die Wegwerfgesellschaft“

Das Prinzip vom KleidertauschenDas Prinzip des Kleidertauschens ist einfach: man bringt mit, was einem nicht mehr gefällt und nimmt mit, was einem gefällt… So weit, so gut. In Vorbereitung auf den Tauschabend am 5. Juni, stehe ich vor meinem Kleiderschrank. In Leipzig ist es grau, seit Tagen regnet es. Wie, als sei ich in einem Laden, stöbere ich ein wenig in meinen Klamotten. „Nein, nein, nein, uhh, hässlich… Was, das habe ich noch?“ Mir fällt ein Kleid in die Hände, an dem noch das Preisetikett dran hängt. Ich erinnere mich, wann ich es gekauft habe: vor ca. vier Jahren. Und bisher habe ich es noch kein einziges Mal angehabt. Weggeben konnte ich es bisher aber auch nicht. „Vielleicht ziehst du es ja diesen Sommer an!“, war meine Standard-Ausrede. Dass ich damit allerdings aussehe, wie ein explodiertes Knall-Bonbon, hab ich bisher einfach ignoriert. Heute ist der Tag jedoch gekommen: es muss WEG! Nach und nach verschwinden aus meinem Kleiderschrank all die bunten Teile. Blusen, T-Shirts, Tops. Zurück bleibt ein Mix aus Grau und Schwarz. Mit ca. 15 verstoßenen Kleidungsstücken mache ich mich wenige Tage später auf in Richtung Georg-Schwarz-Straße. Die Sonne strahlt vom Himmel. Ein bisschen sieht es aus, als wollte ich zum Waschsalon.

AufgebügeltEinige Minuten vor der ausgemachten Zeit bin ich bei krimZkrams, wo das Tauschspektakel stattfindet, angekommen. Vor der Hausnummer 10 bleibe ich stehen. Mit genügend Sicherheitsabstand beobachte ich die vielen Mädels, die draußen sitzen, rauchen und sich unterhalten. Es ist schon ganz gut was los. Ich bin etwas unentschlossen. Ein bisschen fühle ich mich wie ein kleines Mädchen, das sich nicht traut, in ihre Schulklasse zu gehen. Sieht sicher komisch aus, wie ich hier rumstehe mit meinem Sack voller Klamotten. Ich gebe mir einen Ruck und gehe rüber. Nach und nach stehen alle auf. Die Kleiderstangen zum Aufhängen sind nun nämlich da, der Tauschspaß kann losgehen. Brav hängt jeder die mitgebrachten Sachen auf die dafür vorgesehenen Stangen. Bereits beim Auspacken wirft man verstohlene Blicke auf die Sachen der anderen Tauscher. Die Dame neben mir interessiert sich besonders für mein rosé-farbenes ¾-Arm-Shirt. So langsam wird es eng an der vordersten Kleiderfront. Ein mutiger Herr ist auch unter den Gästen. Eher als Begleitung, wie es scheint. „Na ja, ich kann hier wohl nix tauschen!“, stellt er ernüchtert fest. Geschlagene zwei Stunden hält er aus, nickt, schüttelt auch ab und zu mal den Kopf, setzt sich, geht nach draußen, kommt wieder herein. Und das alles mit einer Ruhe, die der eines Buddhas gleicht.

Zeigt her eure KleiderWenig später kommt Karen herein und bringt noch mehr zum Tauschen mit. „Die Sachen, die am meisten verknittert sind, die sind von mir“, stelle ich etwas peinlich berührt fest. Karen entdeckt gleich zu Anfang eine beige Leinenhose. „Leinen knittert edel“, ermuntert sie der Herr, der neben uns steht. Karen ist etwas unsicher. „Und da brauche ich jetzt kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich das einfach mitnehme?“ Nein, genau das ist nämlich das Prinzip vom Kleidertausch. Beim Stöbern entdecken wir so einige Sachen, die wohl einfach raus mussten. Ein karierter Schulmädchen-Rock, zum Beispiel. „So einen trug Britney Spears bei ‚Oops, I did it again‘“, stelle ich fest. Ein bunt gestreiftes Kleid, verwaschene T-Shirts mit Aufdruck, Kord-Hosen und Sachen, die ich früher mal hatte, jetzt aber immer noch nicht wieder haben will. Die Mädels wuseln durcheinander, probieren drüber, drunter, spiegeln sich in der Eingangstür und tauschen aus. Besonders Spaß scheinen auch die beiden Wühltische zu machen. Hier kann man ungeniert nach Schätzen graben. Annika und Sarah, die Veranstalterinnen, zaubern nun auch noch Sachen aus einer Kiste, die beim letzten Kleidertausch übrig geblieben sind.

Am oberen Wühltisch entdecken Karen und ich einen schwarzen Pluderrock, der mir sehr bekannt vorkommt. „Ha, den hatte ich auch mal!“, entfährt es mir. Karen scheint Gefallen an ihm gefunden zu haben. „Achtung, der macht einen dicken Hintern!“, warne ich. Schnell legt sie ihn zurück. Tauschen kann man prinzipiell alle Dinge, die sonst noch so im krimZkrams rumstehen. Koffer, Stoffe, Garne, etc. Gegen Spende kann man also mitnehmen, was einem gefällt und dafür bezahlen, was es einem Wert ist.

ein bunter HaufenDer zweite Wühltisch ist mittlerweile Getränke-gegen-Spende-Tisch geworden. Noch ca. einer halben Stunde betrachte ich mir nochmal die Klamottensammlung. Von meinen mitgebrachten Sachen ist kaum noch etwas da. Hm, an den anderen gefallen mir meine Sachen besser, irgendwie… Ständig schwappen neue Leute herein, die fröhlich ihre Sachen an der Stange aufhängen und hinter dem geblümten Vorhang kichernd anprobieren. Ich habe auf der Treppe Platz genommen, während Karen herumpest und Fotos macht. Manche, die hereinkommen, schauen sich ratlos unter all den wühlenden Frauen um. Mittlerweile sind noch ein paar Männer dazu gekommen. Diese halten sich jedoch vornehmlich draußen auf und vertreiben sich die Zeit mit Bier und Co. „Wie macht man das jetzt?“, fragt ein Mädel mit weißer Stofftasche. „Na ja, du kannst dich jetzt einfach umschauen und dann anprobieren und dann nehmen, was dir gefällt!“, kläre ich sie auf.

Die Königin des KleidertauschesAls der erste Trubel abgeebbt ist, bitte ich Annika, eine der Veranstalterinnen für ein Gespräch auf die Couch, die auf einem leicht erhöhten Podest in der Ecke steht. Von hier aus hat man den besten Blick. „Viel los, oder?“, frage ich sie. „Ja, es war aber schon mal voller“, erzählt sie mir. „Ich denke, es kommen noch ein paar Leute.“ Die Tauschabende finden immer im krimZkrams in der Georg-Schwarz-Straße 11 statt. „Wir haben einen Raum gesucht und waren dann erst bei Cafés oder irgendwelchen Hallen, dann haben wir aber das hier gefunden.“ Kleidertauschen passt perfekt in das krimZkrams-Konzept: Dinge, die die Leute nicht mehr brauchen an andere, die sie wieder brauchen können gegen Spende weitergeben. „Das Konzept haben wir uns zwar irgendwo abgeschaut, ich meine, Kleidertausch ist jetzt nicht allzu innovativ, das gibt’s ja schon. Aber das gab es eben noch nicht in Leipzig und wir haben gedacht, dass es hier zu der Stadt eben ganz gut passen würde“, erzählt sie weiter. Durchs Internet haben sie dann letztendlich diesen Laden hier entdeckt. Was die Besucherzahl angeht, ist Annika optimistisch. „Ich denke, das kommt jetzt noch. Das ist immer so schubweise. Zwischen sieben und acht waren es ein paar und dann meistens nochmal um neun rum.“

Das Spenden-Prinzip scheint zu funktionieren. Von dem Geld möchten Annika und Sarah gerne eigene Kleiderstangen anschaffen. „Bisher werden die nämlich immer wieder von Sarahs Mitbewohner aufgebaut. Das sind eigentlich Stative…“, erzählt Annika. „Was kommen hier für Leute her?“, frage ich. Sie überlegt kurz. „Hm, ja, das sind schon Leute aus Leipzig, aber ich weiß nicht, ob nur aus Lindenau. Ich denke schon, dass die auch von woanders herkommen, wenn sie das hören und gut finden.“

Mit einem Ohr konnte ich vorhin mithören, dass die Mädels die Klamotten, die übrig bleiben, für Flutopfer spenden wollen. „Welche Stadt?“, frage ich übereifrig. „Na ja, es ist schwierig zu sagen: wir geben das jetzt Grimma oder wir geben das jetzt Eilenburg. Mal sehen, wo dann eben was benötigt wird“, betont Annika. Auch nach dem letzten Kleidertausch haben die beiden schon gespendet. „Wir haben teilweise nämlich echt säckeweise Kleider übrig.“ Generell bleibt immer einiges übrig, wenn der Tauschabend vorbei ist. „Wir sortieren das dann immer und die Dinge, die wir schön finden, die hängen wir dann beim nächsten Mal auch wieder hin!“, sagt sie. Augenzwinkernd fügt sie noch hinzu: „Manchmal sind dann aber auch schon Sachen dabei, die nicht unbedingt nochmal jemand haben will.“

Jeden ersten Mittwoch im Monat veranstaltet Annika zusammen mit Sarah den Kleidertausch hier in der Georg-Schwarz-Straße. „Und dann haben wir aber auch noch Helfer-Freunde, die auch grad hier irgendwo sind.“

DurchgemischtIch frage nach drei Worten für die Georg-Schwarz-Straße. Annika überlegt kurz. „Hm, ja, Georg-Schwarz-Straße… Irgendwie ist es auch kunterbunt. Irgendwie ist es so ein durchgemischter, toleranter, ja, Haufen kann man fast schon sagen.“ Wir müssen lachen. „Das ist aber liebevoll gemeint. Ja, kunterbunt finde ich es hier!“, sagt sie freudestrahlend. „Der Laden ist auch so, dass man hier reinkommen kann und einem wird gleich geholfen. Man kann seine Sachen hier abgeben, aber man kann auch was mitnehmen, wenn man was braucht.“ Es ist also immer wieder dieses Miteinander, diese „Nachbarschaftshilfe“ wie Annika sie nennt, was die Georg-Schwarz-Straßler und ihre Freunde an unserer Lieblingsstraße so schätzen. Annika selbst wohnt erst seit neun Monaten hier in Leipzig. Doch bereits jetzt ist sie großer Leipzig-Fan.

„Und wieso glaubst du, tauschen die Leute ihre Klamotten?“, will ich wissen. „Hm, es gibt da ja diese Shareconomy . Ich denke, dass aufgrund von Ressourcenknappheit einfach wieder auf Tauschen und Wiederverwerten Wert gelegt wird. Ich weiß nicht, ob das jetzt gerade einfach so der Zeitgeist und ein Trend ist oder ob das vielleicht eine allgemeine Richtung ist, in die es geht. Es gibt einfach immer mehr, mehr aber im Grunde haben wir ja schon alles.“ Deswegen wollten die Mädels den Leipzigern eine Plattform bieten, auf der man Dinge tauschen kann. „Es muss ja nicht immer was Neues sein, aber mir geht’s zum Beispiel so, dass wenn ich was von hier mitnehme, dann fühlt es sich an, als sei es neu“, sagt Annika. „Oft hat man sich ja einfach nur sattgesehen an seinen eigenen Klamotten, die sind ja aber noch gut. Und wenn andere die dann noch gerne tragen, dann ist das ja so eine Win-Win-Situation.“ Ihr persönliches Lieblingskleidungsstück hat Annika beim Kleidertausch jedoch noch nicht ergattert. „Ich habe aber auch noch nicht wirklich intensiv gesucht“, gibt sie zu.

Der WühltischAm oberen Wühltisch komme ich mit Hanna und Selma ins Gespräch. Die beide sind zum ersten Mal hier. Von einer Freundin wurden sie auf Facebook dazu eingeladen. „Aber im Endeffekt sind wir hergekommen, weil der Kleiderschrank platzt“, grinst Hanna. „Das gute am Kleidertausch ist ja“, erzählt sie weiter, „dass man an sich ja noch n Haufen Klamotten hat, die noch gut aussehen und funktionieren, aber die man eben einfach satt hat! Und dann tauscht man es einfach aus gegen Klamotten, die zwar auch schon alt sind…“ – sie unterbricht den Satz –„… und das ist das Beste an alten Klamotten, weil die schon eingetragen sind. Und wenn die passen, dann passen sie. Es sei denn, man wäscht sie zu heiß!“ Hanna zeigt auf einen etwas kurz geratenen Pullover, den Selma gerade anprobiert hat. Auch Selma ist begeistert vom Tauschprinzip. Normal stöbert sie gerne in Second-Hand-Läden. „Und dann fällt gleich schon die Frage weg: wo will ich überall NICHT Shoppen gehen in der Stadt“, sagt Selma. „So viele Möglichkeiten, gebrauchte Klamotten zu bekommen, gibt’s dann ja auch gar nicht“, fügt sie hinzu. Beide Sachen, die Hanna über ihre Schulter geworfen hat, sind von mir. Sie lacht. An Second-Hand-Klamotten mag sie, dass man sie kauft und sie dann einfach passen. „Neue Sachen kaufst du, dann sind sie einmal gewaschen und dann sind sie plötzlich zu kurz oder ausgeleiert!“, findet Hanna.

Ich frage die beiden, ob sie in der Georg-Schwarz-Straße wohnen. Selma kommt aus einer „ganz anderen Ecke“ von Leipzig, Hanna lebt hier in der näheren Umgebung. „Seid ihr hier öfter mal unterwegs?“, will ich wissen. Hanna schüttelt den Kopf. „Leider gar nicht!“ Ich frage wieder nach drei Worten für die Georg-Schwarz-Straße. „Ich würde jetzt spontan Straßenfest sagen“, antwortet Selma. „Aber ich habe noch nicht viel von der Georg-Schwarz-Straße mitgenommen, weil ich irgendwie noch nie weiter als bis hier zu Ecke oder zur Tankstelle gekommen bin.“ Hanna hat gehört, „dass es hier schon voll nette Kneipen geben soll“. Dass es hier „ein bisschen alternativ“ ist und, „einen ganz coolen Biergarten“ geben soll, fällt den beiden noch ein. Ab und zu fahren die Mädels hier schon mal mit dem Rad vorbei. „KunZstoffe habe ich da auch schon gesehen. Oder kleine Läden und Galerien“, sagt Selma zum Schluss.

Nun setze ich mich auf die Treppenstufen und schaue mich um. Zwei kleine Jungs kommen durch die Türe. Jeder von ihnen hat zwei Hosen zum Tauschen dabei. Sie sehen mich da sitzen, halten mir die Hosen hin und der eine sagt schüchtern: „Hier, zwei Hosen.“ Auf Sarahs Anweisung hin, legen sie ihre Tausch-Klamotten auf den Wühltisch. Kurze Zeit später sind sie jedoch wieder verschwunden.

Königin Nummer ZweiDie Gelegenheit ist günstig, am Getränke-Tisch ist gerade nicht viel los. Karen und ich plaudern mit Sarah, der anderen Veranstalterin. Nun frage ich auch sie, weshalb sie glaubt, dass das mit dem Klamottentausch so gut funktioniert. „Ich glaube, dass das bestimmt auch was mit Individualität zu tun hat. Man will nicht mehr aussehen, wie jeder andere. Gerade auch in einer Stadt wie Leipzig. Hier in Leipzig gibt es eben auch so eine kreative Szene, die es uns vorlebt. Uns, den ganz normalen Leuten,“ sagt sie. Zudem denkt sie, dass die Leute Dinge auch einfach nicht mehr wegwerfen wollen. „Außerdem glaube ich, dass sie sich die Leute sich Gedanken machen, was sie konsumieren, wie sie konsumieren und auch, wie es produziert wird.“ Sarah selbst kommt nicht aus Leipzig. Dass Kleidertauschen funktioniert, ist ihrer Meinung nach aber nicht ein typisch Leipziger Phänomen. „Ich glaube, in allen Großstädten gibt es das schon. Ich denke, es gibt in jeder Stadt Klientel, das man damit erreicht. In der einen Stadt mehr, in der anderen eben weniger.“ Sarah selbst hat heute viele Taschen zum Tauschen mitgebracht. „Es ist eine sehr große Freude, zu sehen, dass andere sich an den Sachen, die man nicht mehr braucht, tot freuen!“, sagt sie zufrieden. „Bei mir würde das sonst nur zwei Jahre im Kleiderschrank hängen!“ Sarah bestätigt, dass Jungs eher Zaungäste bleiben. Den Kleidertausch über Facebook publik zu machen, funktioniert ganz gut. So lädt der eine den anderen ein.

Ich frage, ob sie schon mal negative Erfahrungen mit ihrem Projekt gemacht haben. „Dass Leute zum Beispiel nur Altkleider-Klamotten gebracht haben?“, füge ich hinzu. Sarah überlegt kurz. „Nee, das nicht. Aber eine ganz witzige Erfahrung war mit einem Typen, der bei uns angerufen hat und gesagt hat, dass er so froh ist, dass wir das machen. Die Caritas, die er vorher angerufen hat, ist nämlich nicht bei ihm zum Klamottenabholen vorbeigekommen. Und dann kam er hier mit zwei Umzugskartons an und hing seine ganzen Basketball-T-Shirts hier auf. Na ja, die sind wir aber auch noch irgendwie losgeworden.“ Prügeleien um Klamotten gab es bisher noch keine. „Aber ich stehe auch meistens hier am Tisch oder sitze draußen. Das sollen die dann unter sich ausmachen“, sagt sie lachend. Ich frage sie nach drei Worten für die Georg-Schwarz-Straße. „Die Georg-Schwarz-Straße steht, stellvertretend auch für das Viertel mit den angrenzenden Straßen, für eine Aufbruchsstimmunug. Außerdem ist hier noch viel Platz, auch für Konzepte, die neu sind. Und wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir sofort aufgenommen wurden, als wir die Anfrage gestellt haben.“ Sarah fällt auch die Entwicklung der Straße auf. „Ich bin immer total gespannt, wenn ich dann hier bin und immer wieder was Neues sehe. Hier passiert gerade total viel. Aber nicht nur in eine Richtung. Ich finde, dass hier auch ganz viele unterschiedliche Leute sind. Es ist schön durchmischt.“ Sarah ist großer Georg-Schwarz-Straßen-Fan und würde am liebsten auch hier her ziehen. „Ich glaube, dass die Georg-Schwarz-Straße den Anschluss an Lindenau und Plagwitz findet. Die Georg-Schwarz-Straße hat das beste Potential von allen Straßen hier.“

Zweimal Sarah und AnnikaWir überreden Sarah noch zu einem Foto mit Annika und einer anderen Sarah. „Aber, ich mach keine komischen Posen!“, ruft sie. Währenddessen sind auch zwei junge Mädchen, ich denke, so 12 oder 13, hereingekommen. Brav hängen sie die Tausch-Klamotten auf und probieren begeistert hinter dem Blümchen-Vorhang an.

Am Getränke-Tisch steht nun die andere Sarah, mit der ich ins Gespräch komme. Sarah tauscht hier regelmäßig Klamotten. „Warum?“, will ich wissen. „Weil ich viele Klamotten zu Hause habe, die zwar noch schön sind, mir aber nicht mehr gefallen. Und andere Leute freuen sich noch drüber.“ Ein Lieblingsteil hat sie hier bisher noch nicht ergattert. „Aber heute habe ich ein sehr schönes Kleid gefunden. Das ist leider ein bisschen groß, das muss ich noch umnähen, aber ich glaube, das könnte ein Lieblingsstück werden.“ Sarah kommt ebenfalls nicht aus der Georg-Schwarz-Straße. Als ich sie nach drei Worten für die Georg-Schwarz-Straße frage, sagt sie: „Es entwickelt sich sehr viel, es hat sehr viel Potential. Hier tut sich gerade einfach was.“ Da kann ich nur zustimmen. Sarah hilft hier immer ein bisschen, weil sie mit der Veranstalterin Sarah befreundet ist. Bisher beschränkt sich das Tauschen bei Sarah nur auf Klamotten, sie hofft aber, dass diese nachhaltige Denkweise nicht nur ein Trend ist, sondern eine dauerhafte Entwicklung.

Wir brüten gerade zu dritt über einem Spenden-Wechselgeld-Problem, da kommt Sarah von draußen herein. „Ich hab drei Wörter für die Georg-Schwarz-Straße!“ Ich schaue sie erwartungsvoll an. „Georg, Schwarz, Straße!“, ruft sie lachend. Ich muss sie enttäuschen. Es sind leider bereits vor ihr Leute auf diese überaus einfallsreiche Idee gekommen. Ein junger Mann will mit einem großen Schein ein Bier bezahlen. „Könnt ihr das wechseln?“, fragt er. „Nee“, sagt Sarah, „aber wenn du zehn nimmst, dann sind die günstiger!“ Er ist leicht irritiert, bleibt dann aber doch nur bei einem Bier.

Für jeden das PassendeIch setze mich wieder auf das bequeme Sofa in der Ecke. Eine junge Frau fängt an, im Stoffregal neben mir zu stöbern. Sie holt ein winziges weißes Etwas heraus. Wir sind uns nicht sicher, was es überhaupt darstellen soll. „Hm, eine Tischdecke vielleicht?“, rätseln wir. Der Stoff hat vorne aber, wie bei einem Känguru, eine kleine Tasche, in der man Dinge aufbewahren kann. Und zwei Ösen zum Aufhängen gibt es auch. Anja interessiert sich nicht nur für die Stoffe, sondern hat auch keine Angst vor meinem Diktator (dem Diktiergerät) und setzt sich zu mir auf die Couch. Zufälligerweise hat Anja heute in Sarahs WG ein Zimmer angeschaut. Und die hat sie dann gleich zum Kleidertauschen eingeladen. Seit vier Jahren wohnt Anja jetzt in Leipzig, davor hat sie lange in Berlin gelebt. Leipzig mag sie lieber als die Hauptstadt. „Berlin, das ist mir zu voll und zu laut und zu viel, einfach!“ Ich möchte von ihr wissen, weshalb das Kleidertauschprinzip wohl so gut angenommen wird. „Na ja, ich glaube, das Bewusstsein, wie Dinge eben auch hergestellt werden, das wächst. Und dass die Leute, die das herstellen eben nicht unter den besten Bedingungen arbeiten. Das ist ein Trend gegen die Wegwerfgesellschaft!“ Ich erzähle ihr, wie überrascht ich davon war, was alles in meinem Kleiderschrank hängt, teilweise noch ungetragen. „Ja, und man denkt dann auch immer, dass man das irgendwann schon wieder mal anziehen wird und dass das schon irgendwann wieder passt“, sagt sie und lacht. Ihre drei Worte für ganz Leipzig sind: „Grün, offen und freundlich“.

Neben uns wühlt Sarah (die zweite Sarah, die ich interviewt habe), in einer Kiste mit altem Krimskrams. Sie zaubert eine Art Leder-Pullunder hervor und kann es nicht lassen, sich in diesen hinein zu zwängen. „Was zieht man da nur drunter, damit das nicht so klebt?“, fragt Anja. „Nix!“, ruft Sarah. Es würde auch nichts mehr drunter passen, stellen wir fest. Rein ging leichter als raus. Beim Ausziehen braucht Sarah nun die Hilfe einer Freundin. Sarah hat das Tauschfieber gepackt und wenige Minuten später kommt sie mit einer Tunika zurück und stellt sich vor den Spiegel. Anja und ich haben tatsächlich den besten Platz. „Hm, man könnte es auch umnähen“, raunt Sarah. „Ja, man könnte einfach alles umnähen!“, sagt Anja augenzwinkernd. „Und schwarz färben!“, rufe ich. Sarah dreht sich um und grinst schelmisch.

Was nicht passt, wird passend gemachtMit einem seligen Gesichtsausdruck kommt ein Mädchen aus der Umkleide. Ihr Tauschbeutel ist wieder gut gefüllt. Sie entdeckt den Wühltisch und ruft entzückt: „Ach, da sind ja noch mehr Sachen!“ Wenig später kommt Sarah mit einem neuen Fundstück zurück. Diesmal ist es ein Kinderkleid. „Kann man ja auch einen Rock draus machen!“, sage ich leise zu Anja. „Ich höre alles!“, ruft Sarah über ihre Schulter während sie vor dem Spiegel steht, das Kleid bis zur Hüfte hochgezogen.

Ein anderes Mädchen probiert einen schwarzen Mantel. Zu eng. „Was für Leute geben denn hier ihre Klamotten ab?“, wettert die sehr schlanke junge Dame. Ihre Freundin versucht währenddessen, sie von dem Mantel zu überzeugen. Dieser Mantel scheint nicht genau zu wissen, was er sein will. So richtig warm hält er wohl nicht, für den Übergang ist er aber fast schon zu dick. „Na ja, man kann für alles ein Argument finden“, scherzt Anja. Inzwischen ist das krimZkrams fast leer. Nicht leer getauscht, es sind nur fast keine Tauscher mehr da. Die meisten Leute sitzen draußen auf der Bank, dem Bürgersteig oder stehen in kleinen Gruppen zusammen. Sie unterhalten sich, trinken Bier, lachen, rauchen.

Wie von Annika und Sarah prophezeit, ist die Kleiderstange gegen 21 Uhr jedoch wieder gut gefüllt. Mittlerweile hat Annika wieder den Posten am Getränke-Tisch übernommen. Anja und ich sitzen immer noch zufrieden in unserer Ecke. Wir entdecken ein rotes, sehr altes Telefon. Noch mit Wählscheibe. „Ist das auch zu haben oder ist das das Haus-Telefon?“, frage ich Annika. Sie hebt den Hörer ab. „Nee, da tutet nix!“, antwortet sie. Von Weitem haben wir noch einen rosa Tüll-Rock entdeckt, den ich mir unbedingt mal aus der Nähe anschauen muss. Sarah zwängt sich gerade in eine blaue Regenschutzhose. „Ach, auch Kindergröße!“, seufzt sie. So viele Kinder waren heute doch eigentlich gar nicht hier…

draußen vor der TürAls ich mich gegen halb zehn auf den Heimweg mache, ist das krimZkrams fast leer. Das Haupt-Tauschgeschäft scheint zu Ende zu sein, die Leute erwerben aber weiterhin fleißig Getränke gegen Spende. Ich schlängle mich durch die Besucher, die draußen auf dem Gehweg stehen und sitzen. Zu Hause wundere ich mich über all die weißen Hundehaare an meiner schwarzen Jacke und der Leggings. Mein Hund ist seit langem ja nur imaginär und haart deswegen eigentlich nicht. Ich erinnere mich, am Georg-Schwarz-Straßen-Fest einen Hund im kimZkrams gesehen zu haben. Der war aber braun. Na ja, vielleicht saß auch eine weiße Katze auf dem Sofa. Egal, welches Tier, es scheint jedenfalls auch sein Lieblingsplatz gewesen zu sein.

zu Gast bei FreundenAbschließend kann ich nur sagen: ein Besuch beim Kleidertausch in der Georg-Schwarz-Straße lohnt sich. Mag sein, dass man nicht sein Traum-Kleidungsstück findet, dann vielleicht aber neue Freunde. Mag sein, dass es alles wild durcheinander geht, das passt aber zur Georg-Schwarz-Straße. Mag sein, dass für einige hier Tauschen Nebensache ist, wo man hier doch so schnell Kontakte knüpft, gute Gespräche führt und für wenig Geld was Nettes zu Trinken bekommt. Was ich an diesem Abend wieder festgestellt habe: die Welt ist ein Dorf und sie war, wieder mal, zu Gast in der Georg-Schwarz-Straße.

(Fotos: Karen Lemme/ Text: Helena Mohr)

„Entschuldigung, Sie haben da was verloren…“

Das Tor zur Georg-Schwarz-StraßeEs ist Mittwoch, die Sonne strahlt vom Himmel. Ich bin auf dem Weg in die Georg-Schwarz-Straße. Auf Höhe der Flora-Apotheke höre ich plötzlich hinter mir Geschrei. Ein Rudel wild gewordener Schulkinder stürmt bei Rot über die stark befahrene Merseburger Straße. „Halt die Türe auf, Max (wir nennen ihn einfach mal Max)!“ Max, der anscheinend der schnellste ist, stürmt in Richtung Bahn, dicht gefolgt von seinen Freunden. „Max, halt sie auf, halt sie auf!“ Doch Max kommt zu spät und die Tram fährt ihm vor der Nase davon. Diese Situation kommt mir doch irgendwie bekannt vor…Etwas enttäuscht trotten die Jungs vor mir her.
Ich schaue mich in der Georg-Schwarz-Straße um. Vor der Schwarzwurzel sitzen ein paar Männer und genießen die Sonne. Ein Fenster der „Guten Quelle“ auf der gegenüberliegenden Seite ist geöffnet. Ein junger Mann schaut heraus und telefoniert. „Aha, hier tut sich also auch was!“, nehme ich zur Kenntnis.
Gedankenverloren gehe ich weiter. Max und einer seiner Freunde bleiben an einem Auto stehen, schauen zu mir, kichern, schauen wieder zu mir. Ich rolle genervt mit den Augen, was man unter meiner Sonnenbrille allerdings nicht sehen kann. Ich gehe an ihnen vorbei. „Entschuldigung, Sie haben da was verloren!“, ruft Max. „Oh, netter Junge“, denke ich und drehe mich um. „Ihre Geschwindigkeit!“, kreischt er und kichert. „Klar“, denke ich, „wem ist eben die Straßenbahn davon gefahren?“
Die gute Quelle„Ihre Schönheit!“, sagt der andere. „So, jetzt wird’s gemein“, grummle ich und hole Luft. „Du hast was verloren: dein Benehmen, dein Gehirn!“, will ich rufen. Aber ich reiße mich zusammen. „Vielleicht haben die beiden einen Sonnenstich und reden deswegen wirres Zeug“, versuche ich mich zu beruhigen. Ich atme ins Power-House, nehme einen großen Schluck von meinem Milch-Shake und gehe einfach weiter.
Auf dem Rückweg komme ich wieder an der Schwarzwurzel vorbei. Die Männer sitzen immer noch draußen. Weiter vorne an der Haltestelle liegt ein grün-blau geringelter Pullover. Ich überlege, ob der Pullover vielleicht Max gehört und ertappe mich dabei, mir zu wünschen, dass es so ist. Und dass er zu Hause vielleicht ein bisschen Ärger für den verlorenen Pulli bekommt. Ob er wohl schon weiß, was Karma ist?

(Fotos: Karen Lemme/ Text: Helena Mohr)